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Fachverfahren 2.0 – aus der Cloud?

Mai 23rd, 2011 · Keine Kommentare

Gastautor: Dr. Sönke E. Schulz

Wer die Diskussion zum Einsatz des Cloud Computings für die öffentliche Verwaltung verfolgt, kann aufgrund der Fokussierung auf Speicherplatz, Rechenleistung und – wenn überhaupt – Standard-Software (Office-Anwendungen, E-Mail-Clients etc.) den Eindruck gewinnen, Ziel sei die Aufwertung der IT-Dienstleister der öffentlichen Hand, die derartige Services bereits zu ihrem Dienstleistungsportfolio zählen, und damit eine weitergehende Konsolidierung der öffentlichen IT. Eine solche ist zwar in der Tat – auch und gerade unter Nutzung der Technologien und Potenziale des Cloud Computings, z. B. durch die Schaffung einer privaten Cloud der öffentlichen Verwaltung – notwendig, aber die „Cloud“ bietet weitergehende Modernisierungs- und Einsparpotenziale.

Zunehmend müssen auch die Fachverfahren, also die „Spezialsoftware“ der öffentlichen Verwaltung, betrachtet werden. Vergegenwärtigt man sich, dass eine durchschnittliche kommunale Verwaltung mehr als zehn unterschiedliche Fachverfahren zur Bewältigung ihrer Aufgaben einsetzen dürfte, zusätzlich eine enorme Vielfalt der eingesetzten Verfahren (verbunden mit erheblichen Reibungsverlusten aufgrund mangelnder Standardisierung) existiert und schließlich viele Fachverfahren lediglich für einige wenige Anwendungsfälle im Jahr vorgehalten werden, wird das Einspar- und Modernisierungspotenzial schnell deutlich. Dennoch werden viele Fachverfahren speziell für einzelne Verwaltungen konzipiert, programmiert und nachfolgend gepflegt – und dies, obwohl identische Verwaltungsaufgaben erbracht werden.

Fachverfahren aus der Cloud können selbstverständlich nicht von heute auf morgen angeboten werden – es bedarf schließlich neben der Fortentwicklung der Cloud-Technologien (z. B. zur Sicherstellung einer räumlichen Begrenzung aus Datenschutzgesichtspunkten oder zur Ermöglichung neuartiger Abrechnungsmodelle) und der Fachverfahren (im Sinne einer Cloud-Fähigkeit) eines Zusammenwirkens vieler Akteure: der Verwaltung, großer Anbieter von Cloud-Technologien sowie der, weit überwiegend mittelständisch organisierten, Fachverfahrens-Anbieter.
Denkbar erscheint ein Angebot, welches zunächst die häufigsten Einsatzszenarien und ihre Fachverfahren beinhaltet (Kfz-Zulassung, Meldewesen, Gewerbe- und Gaststättenrecht) und den angeschlossenen Verwaltungen nach Bedarf und kombiniert mit einer zeit- oder fallzahlabhängigen Abrechnung zur Verfügung stellt. Gerade wenn Fachverfahren aufgrund geringer Fallzahlen in kleineren Behörden nur in Einzelfällen zum Einsatz kommen, lässt sich der enorme Einsatz personeller, finanzieller und technisch-organisatorischer Ressourcen, die zur Aufrechterhaltung der „eigenen“ Lösung erforderlich sind, kaum rechtfertigen.

Haupteinwand gegen ein solches Konzept – im Prinzip von Prof. Heckmann in diesem Blog für E-Government-Lösungen als „E-Government-Marketplace“ schon angedacht – könnte die damit zwangsläufig verbundene Reduktion der Anzahl der Fachverfahren (unter Umständen auch Fachverfahrens-Anbieter) und damit eine Beschränkung des Wettbewerbs sein. Dieser Wettbewerb war in der Vergangenheit zwar prädestiniert, individuelle und innovative Lösungen zu generieren und so eine Modernisierung der öffentlichen Verwaltung zu bewirken. Mit der Kleinteiligkeit sind aber ebenfalls ein enormer Pflegeaufwand und das Erfordernis von Clearing- und Schnittstellen verbunden. Zudem kann auch das Konzept der „Fachverfahren aus der Cloud“ den Wettbewerb positiv stimulieren: diejenigen Anbieter, die ihre Software (Fachverfahren) schnellstmöglich und möglichst sachgerecht „cloud- und mandantenfähig“ ausgestalten, dürften sich über früh oder lang am Markt durchsetzen.

Angesichts der Vielgestaltigkeit kommunaler Fachverfahren ist auch nicht zu erwarten, dass ein „großer“ Anbieter eine Monopolstellung wird einnehmen können, vielmehr erscheint auch hier eher das Modell eines oder mehrerer Marketplaces realistisch, indem Cloud-Anbieter eine Plattform zur Verfügung stellen und betreiben, über die dann die kleinen und mittelständischen Fachverfahrens-Anbieter den Verwaltungen ihre Lösungen zum Abruf bereitstellen, während sich der „Betrieb“ der Fachverfahren wiederum in geeigneten Strukturen (Rechenzentren) der Plattform-Anbieter vollziehen dürfte (wie auch heute die unterschiedlichsten Fachverfahren in den Rechenzentren der IT-Dienstleister gehostet werden).
Angesichts der technischen Möglichkeiten der Cloud einerseits, der finanziellen Situation zahlreicher Gebietskörperschaften andererseits kann es längst nicht mehr überzeugen, wenn Entscheidungsträger aus der öffentlichen Verwaltung in „Sonntagsreden“ sowohl die Reduktion der Anzahl der Fachverfahren (weil Hemmnis einer behördenübergreifenden Kommunikation), als auch zugleich die Aufrechterhaltung des ausdifferenzierten Marktes (im Interesse der meist in örtlicher Nähe angesiedelten KMU) in diesem Bereich fordern.
Die sachgerechte Lösung zwischen Konsolidierung und Ausdifferenzierung dürfte – wie so oft – in der „Mitte“ liegen. Hinzu kommt, dass mit der Verlagerung der Fachverfahren in die Cloud unter Umständen weitere positive Effekte hinsichtlich der Performanz und der IT-Sicherheit verbunden sein könnten – in jedem Fall führen Reduktion und Verlagerung in die Cloud aber zu einer zunehmenden Standardisierung und damit Erhöhung der Binnenkommunikationsfähigkeit der öffentlichen Verwaltung. Fachverfahren aus der Cloud stellen sich damit auch als nächster und notwendiger Schritt hin zu einer „Industrialisierung“ von Verwaltungsdienstleistungen dar.

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Tags: IT / E-Government

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