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BODDy 2011 – Berlin will seine Daten befreien

April 27th, 2011 · 2 Kommentare

Das Interview führte: Carsten Köppl

Schon „Apps4Berlin“, der erste Apps-Wettbewerb einer deutschen Stadt, zog viel Aufmerksamkeit der Szene auf sich. Jetzt arbeitet Berlin an einem zentralen Datenportal. Über das weitere Vorgehen wird auf dem BODDy, dem Berliner-Open-Data-Day am 18. Mai, informiert und diskutiert. Dr. Wolfgang Both von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen und Anke Domscheit-Berg vom Government 2.0 Netzwerk Deutschland e.V., erklären im Interview, wo die Chancen von offenen Verwaltungsdaten liegen und wo noch Überzeugungsarbeit geleistet werden muss.


government2020.de: Was ist der „BODDy“ und was möchten sie mit der Veranstaltung erreichen?

Wolfgang Both: Der BODDy ist der Berlin Open Data Day 2011. Wir wollen mit dieser Veranstaltung die Herausforderung der Öffnung des Zugangs zu freiverfügbaren Datenbeständen des Landes aufgreifen. Der Tag richtet sich daher vor allem an die Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung selbst. Auch die Parlamentarier sind eingeladen. Wir erleben einen regen Zuspruch und Interesse.

government2020.de: Auf welche Schwierigkeiten treffen sie bei dem Vorhaben, Verwaltungsdaten öffentlich zugänglich zu machen?

Wolfgang Both: Es gibt sicherlich mehrere Probleme: traditionelles Arbeiten einer Verwaltung, Wahrung des Amtgeheimnisses als hohes Gut im Verwaltungshandeln, dezentral gewachsene Ablagen und Strukturen. Eines der großen Probleme aus meiner Sicht sind aber fehlende Standards. Selbst ein bündelndes Datenportal würde hier nicht zur Orientierung beitragen, wenn dahinter ein Dschungel aus Daten und Formaten liegt.

Auf dem BODDy werden erste Überlegungen zu einem zentralen Berliner Datenportal vorgestellt, sagt Dr. Wolfgang Both, von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen. Foto: Archiv

government2020.de: Warum ist die Verwaltung so zögerlich, ihre Daten offen zu legen? Es geht ja nicht darum, Steuer- oder Krankendaten zu veröffentlichen, sondern z.B. Wetterdaten.

Anke Domscheit-Berg: Das Grundprinzip von Open Data ist vielleicht einfach noch nicht jedem richtig bekannt, denn in der Tat geht es dabei grundsätzlich nicht um die Veröffentlichung von Daten, die Personen betreffen und damit dem Datenschutz unterliegen. Auch aus spezifischen Gründen besonders zu schützende Daten sind von Veröffentlichung ausgenommen, das betrifft z.B. Daten mit hoher Relevanz für die nationale Sicherheit. Diese Widerstände gegen die „Befreiung“ der Daten in der Hand der Verwaltung können also durch Aufklärung leicht überwunden werden. Darüber hinaus sind einige Daten heute auch eine Einnahmequelle, zum Beispiel Geodaten, die an Dritte verkauft werden. Der Wegfall von Einnahmen ist in Zeiten knapper Haushalte natürlich nicht leicht vermittelbar insbesondere da die positiven Effekte eher auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene wahrnehmbar sind, weniger auf der einer einzelnen Behörde. Last but not least gibt es auch viele Verwaltungsmitarbeiter, die Open Data ablehnen, weil sie kein Freund von großer Transparenz sind. Viele fürchten eine Kontrolle und Kritik von außen, wenn z.B. Datenfehler öffentlich werden. Andere sind der festen Überzeugung, dass man Daten nicht als Rohmaterial sondern aufbereitet und im Kontext veröffentlichen muss, weil Bürgerinnen und Bürger sonst zu falschen Interpretationen kommen könnten. Hier ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, um insbesondere Ängste abzubauen und im Gegensatz Chancen und Möglichkeiten durch Open Data transparenter zu machen.

"Die Daten gehören den Bürgern", ist Anke Domscheit-Berg überzeugt. Die Mitgründerin des government2.0-Netzwerkes und selbstständige Beraterin (opengov.me) unterstützt Berlin bei dem Open-Data-Vorhaben. Foto: fotografa/Berlin

government2020.de: Häufig geht es auch um erwartete Gebührenausfälle, eine große Sorge z.B. in den Kommunen. Wo soll das Geld für die Mitarbeiter, die die Daten erheben, pflegen, aktualisieren herkommen, wenn nicht über Gebühren?

Anke Domscheit-Berg: Ich vertrete die Auffassung, dass alle Daten, die sich in öffentlicher Hand befinden, bereits mit Steuermitteln gesammelt worden sind und daher Bürgerinnen und Bürger kein zweites Mal dafür bezahlen sollten. Die Daten gehören gewissermaßen den Bürgern und sollten daher auch für alle einfach und kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Natürlich ist der Wegfall von Einnahmen für einzelne Behörden oder Kommunen ein Problem, mit dem man sie nicht allein lassen darf. Hier sind Umschichtungen von Nöten, da ja an anderen Stellen auch Einsparungen und gesamtwirtschaftliche Vorteile zu erwarten sind. Offene Daten sind ein Motor für Innovationen und damit für neue Arbeitsplätze vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen in der Region. Government-nahe Dienstleistungen, die der Staat längst nicht mehr finanzieren kann, werden von der Community als Apps entwickelt und damit Services ermöglicht, die Bürger wünschen und die Nutzen stiften. Diese Mehrwerte sind gegenzurechnen und punktuelle finanzielle Engpässe durch Repriorisierung und Umschichtungen auch quer über Behördenhaushalte hinweg auszugleichen.

government2020.de: Das Ziel in Berlin ist ein zentrales Open Data Portal. Wo steht das Vorhaben zurzeit?

Wolfgang Both: Nach der selbstlosen Vorstudie des Fraunhofer-Instituts FOKUS zu einer Berlin Data Cloud haben wir jetzt vom Staatssekretärsausschuss für die Verwaltungsmodernisierung die Chance für ein konzeptionell-strategisches Projekt im Rahmen „ServiceStadtBerlin“ bekommen. Neben organisatorisch-prozessualen Fragen sollen hier auch die Grundlagen für ein Portalkonzept geschaffen werden. Projektstart war der 1. April, zum BODDy wird das Projektteam bereits erste Überlegungen dazu vorstellen.

government2020.de: Das Vorbildportal in den USA, data.gov, steht gerade wegen Budgetkürzungen vor dem Aus…

Anke Domscheit-Berg: Open Government ist eine Strategie und eine Strategie hat grundsätzlich einen langfristigen Ansatz. Man kann nicht kommen mal zwei Jahre Verwaltung transparent machen und danach einfach wieder damit aufhören. Natürlich hat Obama nicht gesagt, dass er diese Strategie jetzt nicht mehr weiterverfolgt, aber wenn man die Finanzierung so stark kürzt wie das offensichtlich in den USA aktuell der Fall ist, dann ist das gleichbedeutend mit einem Stopp des Vorhabens, da sehr vielen Leuchtturmprojekten das Abschalten droht. Data.gov ist nur eines davon. Da werden Erwartungen bei Bürgerinnen und Bürgern geweckt und Entwickler von Apps haben Innovationskraft und Ressourcen investiert, um Anwendungen zu entwickeln, die offene Verwaltungsdaten verwenden. Wenn diese Daten nicht mehr zugänglich sind oder nicht mehr aktualisiert werden, dann sind auch diese privaten Investitionen in den Sand gesetzt. Bürger werden frustriert und die Wirtschaft auch. Wenn man sich einmal für diese fortschrittliche Strategie entschieden hat, muss man bei der Stange bleiben, dazu gehört eine nachhaltige Finanzierung.

government2020.de: Könnte nicht auch die Community der Verwaltung bei der Aufbereitung von Daten helfen, sozusagen gewisse Verwaltungsdienstleistungen an die Bürger „outgesourced“ werden?

Anke Domscheit-Berg: Die Community kann viele nützliche Dinge tun, z.B. dabei helfen zu priorisieren, also zu entscheiden, welche Datensätze zuerst ins Netz gestellt werden. Dabei spielt natürlich auch eine Rolle, wie leicht Daten zu beschaffen sind, was in verwendbarer Form vorliegt, sollte auch gleich ins Open Data Portal. Aber überall wo Extraaufwand anfällt, macht es Sinn entsprechend der Nutzernachfrage zu priorisieren. Berlin hat diesen Ansatz gewählt und Bürger auf www.berlin.de nach ihren Wünschen hinsichtlich Datenveröffentlichungen gefragt. Die Community kann auch Anwendungen auf Basis von Offenen Verwaltungsdaten entwickeln, die Bürgern oder Gästen der Stadt helfen, sich in der Stadt zu orientieren. Das sind großartige Leistungen, die die Community in vielen Ländern schon erbracht hat und auch hier in Deutschland einbringt. Ihnen jetzt die Aufbereitung von Daten zu überlassen, halte ich für keine gute Idee. Es ist Verantwortung des Staates, für eine konsistent hohe Qualität der Daten zu sorgen. Dazu braucht man verlässliche Expertise, die gibt es bereits in der Verwaltung, die braucht man nicht outsourcen. Anders sieht das aus, wenn man die Visualisierung, die Interpretation von Daten meint. Hier ist die Community sehr aktiv, hat sich ein eigener Datenjournalismus entwickelt, dessen Experten es hervorragend verstehen, durch intelligente Graphik auch komplexe Sachverhalte und ihre Veränderung z.B. im Zeitverlauf verständlich darzustellen und damit auch längste Zahlenkolonnen begreifbar zu machen. In diesem Umfeld sind ganz neue Berufsbilder entstanden.

Berlin Open Data Day: 18. Mai, 13 bis 17.30 Uhr, in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen Martin-Luther-Str. 105, Großer Saal Raum 546. Anmeldung unter boddy11@senwtf.berlin.de, die Teilnahme ist kostenfrei. Programm und weitere Informationen unter: www.boddy11.wordpress.com.

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Tags: IT / E-Government · Verwaltungsmodernisierung

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