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Weihnachtsgeschenke für uns alle: Frei verfügbare Verwaltungsdaten

Dezember 20th, 2010 · 1 Kommentar

Autor: Prof. Dr. Jörn von Lucke

Jährlich und für alle Beteiligten vollkommen überraschend nähert sich das Weihnachtsfest in einer unglaublichen Geschwindigkeit:

„Morgen, Kinder, wird’s was geben, morgen werden wir uns freun!
Welch ein Jubel, welch ein Leben wird in unserm Hause sein!
Einmal werden wir noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag!“

Und natürlich soll es auch diesmal kein Fest des Kommerzes werden, sondern ein Fest der Ruhe, der Entspannung und der Besinnung. Also machen wir uns dieses Jahr einmal weniger Gedanken, wie wir andere mit teuren Geschenken beglücken können. Stattdessen freuen wir uns darüber, dass uns der Bund, die Länder, die Landkreise, die Städte und die Gemeinden mit frei verfügbaren Daten schon reichlich beschenkt haben. Und denken wir darüber nach, wie wir diese Datenbestände gezielt für eigene Zwecke und Apps am Fernseher, am Handy, am Laptop oder am PC nutzen könnten.

Bei offenen Verwaltungsdaten geht es um jene Datenbestände des öffentlichen Sektors, die von Staat und Verwaltung im Interesse der Allgemeinheit ohne jedwede Einschränkung zur freien Nutzung, zur Weiterverbreitung und zur freien Weiterverwendung frei zugänglich gemacht werden. Explizit ausgeschlossen sind damit Daten zu noch nicht abgeschlossenen behördlichen Entscheidungsprozessen, personenbezogene Daten sowie Daten mit Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen. Konkret geht es hier etwa um Statistiken, Geodaten, Karten, Pläne, Umwelt- und Wetterdaten, Materialien der Parlamente, Ministerien und Behörden, Haushaltsdaten, Gesetze, Verordnungen, Satzungen, richterliche Entscheidungen und sonstige frei zugänglichen Veröffentlichungen von Behörden. Werden diese ausgewählten Datenbestände strukturiert und maschinenlesbar von den zuständigen Behörden proaktiv bereit gestellt, lassen sie sich durchsehen, durchsuchen, filtern, aufbereiten, überwachen und weiterverarbeiten. Eine Vernetzung dieser Datenbestände über das World Wide Web ermöglicht es, diese Daten des öffentlichen Sektors über Domänen und Organisationsgrenzen hinweg zu nutzen. Einige exemplarische Umsetzungen, die als Apps, Mashups und Dienste auf Basis offener Verwaltungsdaten realisiert wurden, finden sich in den webbasierten Portalen Data.gov der US-amerikanischen Bundesregierung, Data.gov.uk der britischen Regierung und dem DataSF App Showcase der Stadt San Francisco.

Das Deutsche Telekom Institute for Connected Cities an der Zeppelin University in Friedrichshafen hat in den vergangenen Wochen eine Studie zu frei verfügbaren Daten des öffentlichen Sektors mit einigen Vorschlägen veröffentlicht. Nicht nur für die T-City Friedrichshafen, sondern für alle Regionen in Deutschland ergeben sich eine Vielzahl konkreter Anknüpfungspunkte zur Nutzung frei zugänglicher Verwaltungsdaten auf Bundes-, Landes-, Kreis- und Stadtebene. Welches Potential schlummert wirklich in den Haushaltsplänen und in den Daten zur Haushaltsbewirtschaftung? Wie kann durch eine Veröffentlichung von Geodaten, Wetterdaten, Verkehrsdaten, Polizeiberichten und Umweltdaten das Wirtschaftswachstum angekurbelt und das Bildungsniveau der Bevölkerung gesteigert werden?

Stimmt es, dass Kosten eine der größten Hürden beim Zugriff auf öffentliche Informationen sind, welche der Öffentlichkeit für den Zugang auferlegt werden – selbst wenn diese minimal sind? Hier geht es nicht nur um Geschenke für das Volk, sondern um die Zukunft etablierter und tradierter Geschäftsmodelle, etwa bei Geodaten, Wetterdaten, Ausschreibungen und Statistiken, in einer sich öffnenden, immer offener und damit auch immer komplexer werdenden Gesellschaft. Die Forderungen der Open Data Bewegung nach einem kostenlosen Zugang zu diesen Daten entsprechen den Überlegungen, mit denen die PSI-Richtlinie (2003/98/EG) verabschiedet und das Informationsweiterverwendungsgesetz 2006 umgesetzt wurde. Zugleich verweisen mehrere Studien der MICUS Management Consulting auf beachtliche Potentiale für Beschäftigung, Innovation und Wertschöpfung.

Wie kann und sollte der Gesetzgeber unter den veränderten Rahmenbedingungen für frei zugängliche Verwaltungsdaten die bisherige hohe Qualität von Datenerhebung und bereitstellung für die Allgemeinheit weiterhin sicherstellen? Wie soll mit dem anstehenden Kulturwandel umgegangen werden, der viel weitreichender ist als die bloße Veröffentlichung in einem elektronischen, offenen, maschinenlesbaren Datenformat? Wie werden dabei nicht-monetäre Effekte frei verfügbarer Daten wie etwa die gezielte Vermeidung des „kalkulierten Rechtsbruchs“ berücksichtigt?

Meiner Einschätzung nach werden bestehende Geschäftsmodelle weiterentwickelt und mit Übergangsregelungen eingeführt werden müssen, welche die berechtigten Interessen der Akteure berücksichtigen und dennoch Perspektive bieten. Ein solcher Umstieg fällt Behörden und Unternehmen nicht leicht, sollten sie ihre Geschäftsmodelle noch nicht auf frei zugänglichen Datenbeständen, Datenformaten und Interoperabilität aufgesetzt haben. Dieser Prozess wird sicherlich einige Zeit benötigen, insbesondere mit Blick auf die damit verbundenen offenen Fragen, die auch in einem aktuellen ISPRAT-Gutachten thematisiert werden.

Das sollte uns aber nicht davon abhalten, über die Weihnachtsfeiertage zu entspannen. Und zwischen den Spaziergängen und Festmalen mag ein Blick auf die für Sie frei verfügbaren Daten anregend wirken. Vielleicht haben Sie ja schon eine Idee, was sie immer schon mit den Dokumenten aus ihrem örtlichen Ratsinformationssystem oder Geoportal machen wollten … und überraschen Sie uns alle im neuen Jahr mit einer ganz guten Idee oder App, von der wir alle profitieren. Ich würde mich freuen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine fröhliche Weihnacht und viel Raum und Zeit für kreative Ideen

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Tags: IT / E-Government

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