government2020 header image 2

Offene Staatskunst: Eine neue Logik gemeinschaftlichen Handelns

August 16th, 2010 · 5 Kommentare

Gastautor: Prof. Dr. Philipp Müller

Seit Wittgenstein wissen wir, dass viele unserer Denkfehler auf sprachlichen Verwirrungen beruhen. Wir anthropomorphisieren Institutionen, wir verdinglichen Konzepte und wir vergleichen über Kategorien hinweg. Einer solchen sprachlichen Verwirrung scheinen wir auch beim Begriff Government 2.0 zu erliegen.

Trotzdem lohnt es sich das Phänomen ernst zu nehmen, da es sich um die wahrscheinlich wichtigste Organisationsinnovation seit Max Webers “Erfindung” moderner Bürokratie handelt.

Im folgenden will ich die Verwirrungen aufdecken, unseren Blick für die Relevanz der neuen Organisationslogik schärfen und einen Ausblick auf diese“schöne neue Welt” wagen.

Government 2.0 verwirrt auf mehreren Ebenen. Weder O’Reillys metaphorische Definition “Government as a platform” noch die aus dem berühmten Obama-Memo abgeleitete taxonomische Definition, die besagt, dass Government 2.0 aus transparentem, partizipativem und kollaborativem Regierungshandeln besteht, erschließen uns die Logik von Government 2.0 als neuer Organisationsform. Aufgrund des Hypes um den Begriff scheint er so greifbar wie ein Stück Wackelpudding.

• Er wird in Konkurrenz zu E-Government gesehen, d.h. als die Wachablösung eines in die Jahre gekommenen Begriffs.
• Das Spiel mit der Versionsnummer impliziert eine Binarität zwischen neu und alt, aber auch zugleich eine ewige Erneuerbarkeit (Government 3.0, 6.0 und 9.0).
• Er ist das Kampfwort einer Gruppe von politischen Entrepreneuren, die am liebsten die klassische Politik und Verwaltung ablösen wollen, weil sie sich nicht für Staatlichkeit interessieren.

Trotzdem sollten wir die Konzepte, die sich hinter der Begrifflichkeit verbergen, nicht ignorieren, da vollkommen neue Formen der Organisation von gemeinschaftlichem Handeln durch die Reduktion von Transaktionskosten aufgrund der n-zu-n Kommunikation ermöglicht werden.

Government 2.0 als Organisationsinnovation

Die Möglichkeit, Gemeingüter wie Infrastrukur, Sicherheit, Soziale Absicherung bereitzustellen, ist durch die Koordinierungskosten einzelner Transaktionen beschränkt. Management versucht, im Rahmen gegebener Kontexte, diese Transaktionskosten zu minimieren. Große historische Innovationen im Bereich der Organisationstheorie wie die Idee der juristischen Person, der Idealtyp effizient allokierender Märkte und die moderne Verwaltung ermöglichten erst die Komplexität an Gemeingütern, die wir heute als normal ansehen.

Wir sind heute mit Webtechnologien konfrontiert (Datenbankaustauschformate, Publikations- und Kollaborationsplattformen), die uns ermöglichen, bei radikal gefallenen Transaktionskosten gemeinsam ohne einen aufwändigen Organisations-Overhead aktiv zu werden. Mit einer solchen Situation hatte selbst der Vater der Transaktionskostentheorie, Ronald Coase, nicht gerechnet, er ging davon aus, dass bei fallenden Transaktionskosten die hierarchisch organisierte “Firma” wachsen würde. Das spannende an 2.0 ist aber, dass offene Prozessketten, die weder hierarchisch beherscht noch durch Markttransaktionen geleitet sind, inzwischen wichtige Grundbedürfnisse weltweit abdecken. Vom Wissensmanagement (Wikipedia) bis zur Krisenkommunikation (Ushahidi) können heute Einzelpersonen globale Gemeingüter aufsetzen.

Für bestehende Organsationen und ihre Lenker gibt es nun zwei Möglichkeiten: diese neuen Formen der Ko-Produktion in die eigenen Wertschöpfungsketten einzubauen oder sich gegen potenzielle Wettbewerber zu behaupten. D.h. Government 2.0 fordert eine neue Staatskunst.

Eine historische Analogie hierfür ist die Schlacht von Sempbach 1368, als die Schweizer Bauern mit langen Hellebarden die überrüsteten österreichischen Ritter im wahrsten Sinne des Wortes vom hohen Ross stießen. Die Bewaffnung der Ritter kann mit heute 365.000 Euro gleichgesetzt werden, die Transaktionskosten der Schweizer Bauern um ein tausendfaches niedriger. Genauso kann heute die Webseite einer Mitfahrzentrale die Dienstleistungen der Deutschen Bahn replizieren.

Government 2.0 als Offene Staatskunst

Der Schlagabtausch hat gerade erst begonnen, wird aber alle Bereich von Staatlichkeit betreffen, wenn man den ersten Beispielsanwendungen folgt. Die Veröffentlichung von 75.000 Dokumenten aus dem Afghanistan-Krieg auf Wikileaks wird die staatlichen Institutionen des Mandatory Disclosure Review und des Freedom of Information Act ändern, genauso wie die Strategie und Taktik im Pentagon. Das scannen aller 129 Millionen Bücher der Menschheit durch Google wird die Rolle von Nationalbibliotheken verändern. Mitfahrzentralen haben sich inzwischen zu den stärksten Konkurrenten (oder Partnern) von öffentlichen Personenverkehrssystemen entwickelt. Ushahidi und seit dieser Woche das serverbasierte crowdmap sind inzwischen zu den ersten Krisen-Response -Tools weltweit avanciert.

Diese neue Logik von gemeinschaftlichem Handeln ist uns noch etwas fremd, deshalb bedarf das Thema unserer geballten Aufmerksamkeit. Wir können es uns nicht leisten es zu ignorieren, nur weil die Begrifflichkeit verwirrend wirkt.

Artikel teilen!

Tags: IT / E-Government · Verwaltungsmodernisierung

5 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Sebastian // Aug 18, 2010 at 15:25

    was fehlt in der Debatte ist auch, dass jemand den weniger mit der „Bewegung“ vertrauten erklaert, dass Goverment 2.0 nicht e-Government ist, und wenn die Bundesregierung dann noch „eGovernment 2.0“ erfindet ist die Verwirrung komplett.

    Aber in dem Betrag sehe ich die Probleme die in den 3 Bullet Points angesprochen werden nicht ausreichend angegangen.

  • 2 Philipp Müller // Aug 23, 2010 at 10:20

    Dank dir für die klaren Worte!

    ad a: es geht einzig und allein darum, dass Organisation in einer Welt, wo der meiste Wert in digitaler Form (d.h. in gewisser Weise von Raum und Zeit unabhängig) geschaffen wird und wir als Wertschöpfungsplattformen n-zu-n Medien nutzen (d.h. Medien wo Empfänger und Sender gleichberechtig sind) anders auszugestalten sind als in einer analogen massen-medialen Welt. Digitalisierung ist E-Government und n-zu-n Medien sind Government 2.0.

    ad b: stimmt. Wäre auch interessant. Vielleicht im nächsten Artikel.

  • 3 Open-Government-Ansatz des Bundes: Noch keine visionäre Kraft in Sicht « government2020 // Sep 2, 2010 at 07:52

    […] am 18. August verabschiedet hat. Es könnte der deutsche Einstieg in eine „offene Staatskunst“ (siehe Philipp Müllers Blog-Beitrag) sein. Es könnte aber auch einfach die Aufnahme eines anglizistischen, modernen, international […]

  • 4 Transparenz: Ideal oder strategisches Werkzeug? | Neue Wege im E-Government // Sep 5, 2011 at 16:19

    […] Blog des Behördenspiegels. Offene Staatskunst: Eine neue Logik gemeinschaftlichen Handelns (16. August 2010) […]

  • 5 Process, baby! // Aug 1, 2012 at 19:40

    […] bzw. Reorganisation um offene Schnittstellen (siehe dazu auch den Blog-Post von Philipp Müller: Offene Staatskunst: Eine neue Logik gemeinschaftlichen Handelns) verspricht große Effizienz- und Qualitätsgewinne. Der allseits bekannte Märker Brandenburg ist […]

Hinterlasse ein Kommentar

*