Autor: Prof. Dr. Tino Schuppan
Nach wie vor ist das Thema E-Government in Deutschland sehr vom Einsatz einzelner IT-Anwendungen und großer Naivität über deren Wirkungsverständnis bestimmt. Der neuerliche Hype um das so genannte Web 2.0 ist ein aktuelles Beispiel hierfür. Jedoch: nur weil IT- bzw. Web-Anwendungen weltweit propagiert werden, die vielfach technologisch noch nicht einmal neu sind, wird sich die Verwaltung nicht modernisieren.
Außerdem verengen die technikgetriebenen Ansätze den Blick für das eigentliche Verwaltungsgeschäft. Es wird von der Lösung her gedacht, um dann hoffentlich das dafür erforderliche Problem in der Verwaltung zu finden. Dass vielleicht ganz andere Probleme wichtiger oder dringlicher zu bearbeiten sind, gerät dabei völlig aus dem Blick.
Auch dürfte das gegenwärtige “Web 2.0-Geschrei” – wenn überhaupt – eher zu einer “oberflächlichen Modernisierung”, also einer Modernisierung von außen, der Verwaltung führen. Innen kann der „alte Stiefel“ weiterlaufen und Transformation bleibt aus. Oder anders formuliert: “Government 2.0″ ist ein neuer Hausanstrich obwohl ein Umbau erforderlich wäre.
Transformation erfordert jedoch vorrangig eine Änderung von Organisationsstrukturen, die Anpassung oder Neugestaltung von Geschäftsprozessen, neue Formen der Arbeitsteilung etc. Nicht, dass die unter dem Marketingbegriff “Web 2.0″ zusammengefassten Anwendungen völlig irrelevant für die Verwaltung wären oder kein Modernisierungspotenzial
bereithielten, es wird nur vielfach überschätzt und allein in der Existenz von Lösungen gesehen. Die Ernüchterung folgt.
Häufig unterbleibt die Mühe, sich vertieft mit der Arbeit von Verwaltung auseinanderzusetzen und Modernisierungspotenziale von den Problemen her kommend zu erschließen. Das ist zwar aufwändig, jedoch ist nur diese Arbeit erkenntnisreich. Gerade Wissenschaftler haben die Aufgabe, kritisch-konstruktive Analysen, auch empirisch fundiert, abzugeben anstatt unbedarft weitere Hypes zu füttern.
Gefragt ist ein aufgeklärtes und unaufgeregtes Technik- und Anwendungsverständnis, das aufzeigt, was in der Verwaltungspraxis unter welchen Bedingungen warum funktioniert und was nicht. Damit sind keine naiven “Best-Practice-Beschreibungen” gemeint, sondern mit Kontextinformationen angereicherte und reflektive “Wie-Analysen”, mit denen die Fallstricke der Umsetzung in die Verwaltungsrealität mit ihren kulturellen Besonderheiten nachgezeichnet werden können. Diese empirischen Fallstudien bieten hohes Lernpotenzial; verstehendes Lernen zur Unterstützung der Umsetzung ist möglich.
Denn was nützen abstrakte Technikpotenziale, wenn sie nicht in der Verwaltungsrealität umzusetzen oder auf die dazugehörigen Probleme treffen.
Es ist zweifelsohne attraktiver, globale rhetorische Fragen zu stellen, z.B. ob sich die Prinzipien des bürokratischen Verwaltungsaufbaus im Sinne von Max Weber überlebt haben, als sich der Mühe detaillierter Forschung und Analyse zu unterziehen.
Gefragt ist gründliche Forschung, die aufzeigt, wie (trotzdem) die gegenwärtige Verwaltungspraxis mit E-Government verändert werden kann. Dass solch eine unaufgeregte, weil empirisch fundierte, Forschung notwendig ist, zeigen nahezu alle E-Government-Großbaustellen der letzten Jahre, wie z.B. der Einheitliche Ansprechpartner der EG-DLR. Noch vor kurzer Zeit wurde von einigen Promotoren des Einheitlichen Ansprechpartners ernsthaft die Verwaltungsrevolution für Deutschland ausgerufen, die nun unmittelbar bevorstehe. Nur wenig später wurde dann von den gleichen Promotoren die Verwunderung geäußert, dass diese nun doch nicht eingetreten sei. Dann wird ex post eine Schelte der Verwaltung betrieben, die mehr oder weniger unwillig oder unfähig sei, die Modernisierungspotenziale zu heben, obwohl doch die gesetzlichen Grundlagen vorlagen. Eine solche Perspektive ist nicht nur naiv, sondern verzichtbar, weil sie letztlich falsch ist und komplexe Veränderungsprozesse sowie administrative Rationalitäten ignoriert. Zudem zeigt sie, dass weder die „Funktionsweise von Max Weber“ noch die reale Verwaltung verstanden wurde.
Eine empirisch fundierte und unaufgeregte E-Government-Forschung, die sich verstärkt mit der Frage der Implementation auseinandersetzt, ist in Anbetracht der in den letzten Jahren aufgebrachten und nicht selten versenkten Millionen bei E-Government-Projekten dringend notwendig. Eine solche Forschung kann dazu beitragen, dass die Implementation in der Praxis zukünftig besser gelingt ohne Heilsversprechen abzugeben. Sie zeigt auf, wo die Probleme beim Management von E-Government zwischen den verschiedenen Ebenen und Beteiligten liegen und wo Erfolgsbedingungen zu finden sind.
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9 Antworten bis jetzt ↓
1 Sebastian // Aug 10, 2010 at 14:04
Sehr richtig. Ich bevorzuge – u.a. auch wegen der Technologie-Neutralität des Begriffs – den Begriff Open Government. Regierung und Verwaltung müssen offener werden. Das ist eine kulturelle und rechtliche Veränderung, genauso wie eine Veränderung im Management, aber eben nicht nur ein Twitter Account oder dergleichen
2 Patrick // Aug 11, 2010 at 08:43
Sehr gute Darstellung.
Bei uns sehe ich das Problem in der Praxis. Das Interesse kommt meist über die Technikbegeisterung, die Technik wird von einzelnen gewünscht, aber die Prozesse sollen sich nicht ändern und mit der Umsetzung entsteht eine Zusatzbelastung.
Wenn über die Prozesse die Innovation kommt und nach Lösungen gesucht wird, dann spielt Technik meist keine Rolle. Da in der Führungsebene wenig Verständnis und Kenntnis für die Technologie vorhanden ist.
Open Government kann eine Lösung sein, aber ich kann noch nicht erkennen, wie es bei uns in der Praxis umgesetzt wird.
3 Philipp Müller // Aug 13, 2010 at 11:43
Danke Dir, ein wichtiges Plädoyer für das unaufgeregte Abarbeiten unserer Hausaufgaben. Und doch kann ich dir nicht ganz zustimmen: Das besondere an Government 2.0 (oder open gov oder egov-reloaded) ist die neue Organisationslogik.
Heute sind durch n-zu-n Medien und Digitalisierung wirklich offene Wertschöpfungsketten möglich: die radikale Reduktion von Transaktionskosten erlauben neue/andere Formen von gemeinschaftlichem Handeln. Und das kann nicht ignoriert werden, bloss weil die E-Government-Forschung noch nicht fertig ist mit der Evaluierung der Projekte der letzten Jahre.
4 Peter Klinger // Aug 14, 2010 at 20:53
Open Gov, Egov-reloaded, E-Government 2.0, Open Data, Kommune und Web 2.0, Government 2.0 BarCamp – hallo Erde an Raumschiff – merkt eigentlich noch einer, dass wir E-Government in der Verwaltung noch nicht einmal mit seinen Basics „geloaded“ haben. Bitte vergessen Sie vor lauter kreativer Freude an neuen Entwicklungen nicht die Kernerarbeit der Umsetzung der Grundlagen. Ich pflichte deshalb Herrn Schuppan bei, wenn er anmahnt, sich intensiver mit der Umsetzung der vielfältigen Möglichkeiten von E-Government, von der medienbruchfreien Digitalisierung einer Prozesskette bis hin zum Aufbau neuer Verwaltungsproduktionsmodelle, wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Natürlich ist es ungleich unaufgeregter mit mehreren Gemeinden einen kommunalen Leistungsprozess zu standardisieren und dabei alle nützlichen E-Governmentfunktionen zu modellieren, als in BarCamps open end spannende sich entwickelnde Zukunfts-Diskussionen zu führen. Mache ich eigentlich auch lieber.
Mich haben zwei aktuelle Erlebnisse sehr nachdenklich gemacht: Beispiel 1: Auch für mich war die Umsetzung der EG DLR endlich der lang erwartete und erhoffte Promotor von E-Government. Was ist passiert – nix, absolut nix – der „E-Government-Hund“ hat mal wieder laut gebellt und die Verwaltungs-Karavane ist völlig unbeeindruckt vorbeigezogen. Beispiel 2: Ich beschäftige mich derzeit mit der Fortbildung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus den kommunalen Bürgerämtern zum Thema neuer Personalausweis, neue Antragsprozesse, Einsatz der eID-Daten in E-Business und E-Government-Prozessen. Breiten Raum nimmt dann, angestoßen von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, zunächst die Diskussion ein, was kann den E-Government, außer Infos und lediglich ausdruckbare Formulare auf eine Web-Seite zu bringen. Bis heute haben die Ausbildungseinrichtungen für den Öffentlichen Dienst, unabhängig ob es Studieninstitute, oder Fachhochschulen für Öffentliche Verwaltung sind, das Thema E-Government nicht in den Curricula verankert. E-Government verlangt Excellence, verlangt Netzwerkfähigkeit, verlangt Organisationslogik, verlangt breites Basiswissen. Ich wünschte mir deshalb, dass E-Governmentforschung zukünftig mehr die Niederungen der Umsetzungs-Praxis aufgreift und sich beispielsweise intensiver den folgenden Fragen widmet: Was ist Netzwerkfähigkeit? Wie sozialisiere ich öffentlich Beschäftigte, die mit den Grundsätzen der sachlichen und örtlichen Zuständigkeit aufgewachsen sind, in Richtung Netzwerkfähigkeit? Welche Maßnahmen sind geeignet, in Verwaltungen zu einem aussichtsreichen Chance-Managment für E-Government zu kommen? Wie müssen Curricula aussehen, die den Verwaltungsnachwuchs befähigt, E-Government-Strukturen aufzubauen? Wie motiviere ich Verwaltungsbeschäftigte nicht nur die Fälle abzuarbeiten, sondern auch die Prozesse weiterzuentwickeln? Wie verankere ich in Verwaltungen die Prozessverantwortung bei ressortübergreifenden Prozessen? Mir würden noch mehre (unangenehme) W-Fragen einfallen, aber ich meine, dass diese kleine Auswahl schon reicht, um den Scheinwerfen mehr auf die organisatorischen und „menschlichen“ Wurzeln von E-Government zu lenken. Wenn diese Diskussion dazu beitragen würde, wäre ich sehr zufrieden damit. Es bedarf verwaltungswissenschaftlich orientierter E-Government-Forschung, die sich der Mühe empirischer Forschung und Begleitforschung unterzieht. Vergleicht man das mit den hunderten BWL-Professoren in Deutschland, die öffentlich finanziert werden, dann frage ich mich, warum der Staat sich keine verwaltungswissenschaflich und empirisch ausgerichtete eGovernment-Professur leistet. Modelle und Soll-Konzepte müssen auch in die Verwaltungsrealität eingepasst werden, worin der eindeutige Engpass im E-Government liegt. Wir brauchen für E-Government eine unabhängige Wissensbasis, die nicht nur von Berater- und Technologieinteressen sowie Web 2.0 Experten getrieben ist.
5 Sebastian // Aug 15, 2010 at 00:33
Open Government heißt halt eben auch eine “Gefahr’ für Regierung und Verwaltung. Schließlich bedeutet es am Ende Machtverlust für die Bürokratie, welche nebenbei auch noch super-langsam mit lernt. Aber das von Ihnen angesprochene Problem der Ausbildung ist sehr interessant und relevant, obwohl ich es für relativ leicht lösbar halte. Natürlich nicht so lange dort Juristen höheren Alters, Karrierebürokraten und andere schwer kündigbares oder schulbares Personal arbeitet. Das Problem rührt halt auch ganz woanders her, weil eben auch die Führungspositionen keinerlei Innovation zeigen (außer es wird hin und wieder irgendwo ein junger Unternehmer zum Bürgermeister gewählt oder dergleichen). Die Rechtsbasis und vor allem die Verwaltungskultur und das Politikverständnis vieler Politiker lässt Innovation einfach sehr schwer zu.
Der “Staat” wird sich keine eGovernment Professor leisten so lange “er” den Ernst der Lage nicht begriffen hat, und er hat es nicht. Braucht man sich ja nur exemplarisch das “Resultat” von de Maizieres Netzdialogs ansehen und das was er daraus produziert hat. Mal ganz zu schweigen davon was den Herrn Innenminister eigentlich dazu qualifiziert sich zu den Themen überhaupt zu äußern, aber ich will nicht zu stark in Gejammer über die “Kompetenzen” unserer Politiker abschweifen.
Ich glaube was die “Open Government” Bewegung leistet ist sowohl richtig als auch wichtig. Aber ist ist korrekt dass es sich dabei um einen sehr abgehobenen, teils realitätsfernen Dialog handelt. Jedoch was machen wir ohne solche Strech Goals? Weitermachen wie bisher? Dass sich der Verwaltungsapparat so schwer ändert ist doch gerade ein Alarmsignal dafür dass es eben nicht sein kann, sich auf die althergebrachten Methoden und Mühlen zu verlassen. Vor allem dann nicht, wenn es für die meisten der propagierten Innovationen einleuchtende Umsetzungsbeispiele und Erfolgsgeschichten gibt. Am Ende mangelt es halt einfach viel zu oft am Willen, am Verständnis und an politischen Kalkülen.
Selbtverständlich müssen wir mehr forschen, selbstverständlich müssen wir mehr ausbilden. Aber meiner Meinung nach liegt das Problem nicht in der Abgehobenheit dieser nerd-lastigen Government 2.0 Bewegung, sondern darin, dass es hierzulande schon längst viertel nach 12 ist. Wir reden von Open Government, Kollaborativem Irgendwas, Partizipation und 2.0, Open Data, was weis icht, aber noch nicht einmal das KLASSISCHE e-Government ist passiert…
Auch wenn ich jetzt rundumgeschlagen habe, ich glaube wir brauchen die Vorauspreschenden, und wir brauchen mehr davon. Dann kann sich auch ein Teil von denen mit der öffentlichen Erziehung über diese Themen beschäftigen…..
6 karsten knuth // Aug 16, 2010 at 13:50
Allein schon die Vielzahl der Begrifflichkeiten zeigt schon das Problem. Jedes Jahr kommen neue Schöpfungen hinzu und der “normale” Verwaltungsmitarbeiter (und nicht nur er), welcher nur selten E-Government erklären kann, ist hier deutlich überfordert. Dabei haben wir hier in Schleswig-Holstein wenigstens eine gültige Definition per Gesetzt erhalten (http://www.schleswig-holstein.de/cae/servlet/contentblob/861594/publicationFile/EGovernmentGVOBl.pdf ). Schauen wir uns die Veröffentlichung des E-Government – Gesetzes für Schleswig – Holstein aber genauer an, fällt folgendes auf: Dieses Gesetz, welches auch den Begriff “Medienbruch” definiert, wurde ausgedruckt und etwas schief wieder eingescannt, um es dann als pdf – Datei zu veröffentlichen – also ein “klassischer” Medienbruch…
Peter Klinger schrieb: “Bis heute haben die Ausbildungseinrichtungen für den Öffentlichen Dienst, unabhängig ob es Studieninstitute, oder Fachhochschulen für Öffentliche Verwaltung sind, das Thema E-Government nicht in den Curricula verankert.”
Dies kann ich als Dozent einer FH so nicht bestätigen. E-Government war bei uns schon einige Jahre ein Wahlfach und ist inzwischen (seit 2009 mit der Einführung des Bachelor) ein Pflichtfach für alle Studierende geworden. Sicherlich ist dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein und nicht jeder sieht die Notwendigkeit dieses Faches (“ist doch nur für IT – Freaks”), doch es ist zumindest der Versuch, sich trotz einiger Widerstände noch intensiver der Problematik zu widmen.
Jedes Jahr schreiben einige Studierende ihre Diplomarbeiten zu aktuellen E-Government Aspekten – so z.B. zu den Themen: Umsetzung der EUDLR, Open Data, Shared Services, Konzeption eines Bürgerforums, Cloud Computing, IT – Planungsrat, Konzept zur Online – Übertragung von Sitzungen kommunaler Gremien, usw.. Zu einigen Themen versuchen wir im Land auch Praxispartner zu finden, um diese Themen nicht zu theoretisch abhandeln zu müssen. Leider ist dies nicht immer von Erfolg gekrönt.
E-Government mit all seinen Facetten überfordert viele Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltungen. Sie kennen (und nutzen) das elektronische Meldewesen, werden aber bei der elektronischen Akte nervös. Begrifflichkeiten wie “Verwaltungsmodernisierung” sind verbraucht, da sie in den Augen vieler Mitarbeiter nur als “Personalabbauinstrument” genutzt wurden. Der Beamte soll mehr und länger arbeiten, die Finanzlage der Kommunen ist kritisch.
Und jetzt kommen “wir” und wollen den Arbeitsplatz der Verwaltungsmitarbeiter komplett umbauen.
Der Druck von außen wächst (Bürger/Unternehmen/Finanzlage/EU/demographischer Wandel/…) und es wird Zeit, die Mitarbeiter der Verwaltungen mitzunehmen.
Wir benötigen in Deutschland dringend eine Informations- und/oder Bildungsinitiative, um allen Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltungen die Chancen und Möglichkeiten, die hinter diesen ganzen Begrifflichkeiten stecken, näher zu bringen. Aber auch Politiker der verschiedenen Ebenen (Kommunal/Land/Bund) müssen besser informiert werden. Ich kann allen nur den Rat geben, einmal eine Ratsversammlung einer kleinen Stadt zu besuchen und sich dort in der Bürgersprechstunde nach den aktuellen Bestrebungen im Bereich E-Government zu erkundigen – in den allermeisten Fällen wird man hier in sehr fragende Gesichter schauen…
7 Peter Klinger // Aug 16, 2010 at 15:54
Dank an den Kollegen Knuth für die Darstellung seiner praktischen Erfahrungen und insbesondere für das Lehrangebot zum Thema E-Government an der Fachhochschule für Verwaltung und Dienstleistung in Kiel. Aber immerhin ist ja auch Schleswig-Holstein das Bundesland mit einem E-Government-Gesetz. Unterstützen möchte ich nachdrücklich die folgende Forderung von Karsten Knuth:
„Wir benötigen in Deutschland dringend eine Informations- und/oder Bildungsinitiative, um allen Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltungen die Chancen und Möglichkeiten, die hinter diesen ganzen Begrifflichkeiten stecken, näher zu bringen. Aber auch Politiker der verschiedenen Ebenen (Kommunal/Land/Bund) müssen besser informiert werden“.
Dies trifft einen Kern des Problems der sehr zurückhaltenden E-Governmentumsetzung auf der kommunalen Ebene. Allerdings sollten die Qualifizierungsmaßnahmen darauf ausgerichtet sein, strategisches Gestaltungswissen über E-Government-Architekturen im Sinne der organisatorischen Möglichkeiten und Chancen zu vermitteln. Lediglich die Sicht aus der Anwenderperspektive ist dabei zu wenig. Wegen der notwendigen Netzwerkfähigkeit verweise ich auf den Artikel „Neue Kompetenzen braucht die Verwaltung der Zukunft“ von Tino Schuppan in diesem Blog. Auch diese Erkenntnisse müssen in eine Informations- und Bildungsinitiative zum Thema E-Government einbezogen werden.
8 Jörg Kremer // Aug 27, 2010 at 15:05
Ich habe mit großem Interesse die bisherige Diskussion gelesen. Dabei ist mir viel Bekanntes begegnet, aber es werden auch Dinge aus meiner Sicht nicht angesprochen. Den Ansatz und die Überlegungen von Herrn Schuppan halte ich im Kern für absolut richtig.
Dennoch in aller Kürze zwei Anmerkungen:
Immer wieder ist mir aufgefallen, dass im Zusammenhang mit eGovernment (oder auch Open Government, wie auch immer) die EG-DLRL genannt wird. Und jeder spricht in diesem Zusammenhang vom erneuten Scheitern einer Verwaltungsmodernisierung.
Zugegeben, die Umsetzung in Deutschland ist sicher nicht optimal und es gibt noch enormes Potential nach oben. Allerdings kann man nicht erwarten, dass binnen acht Monaten (28.12.09 bis heute) eine über Jahrzehnte gewachsene Verwaltungskultur weggewischt wird. Insbesondere dann, wenn der überwiegende Teil der Einheitlichen Ansprechpartner noch immer auf den ersten Antrag wartet.
eGovernment (ich bleibe bei dem Begriff…) beschreibt u.a. die elektronische Abwicklung von Verwaltungsprozessen. Doch was tun Verwaltungsprozesse eigentlich? In der Regel sind Verwaltungsprozesse dazu da, um geltendes Recht umzusetzen. Und hier liegt aus meiner Sicht der Knackpunkt, wenn es um eGovernment geht: Zum einen werden, wie dies angesprochen wurde, zuerst die Technologien beschafft, bevor man sich die eigentlichen Prozesse anschaut.
Zum anderen sind ein Großteil der rechtlichen Vorschriften in Deutschland schlicht nicht geeignet, um diese in akzeptablen elektronischen Prozessen abzubilden. Zumindest dies hat die Umsetzung der EG-DLRL deutlich gezeigt.
Hier muss angesetzt werden, und hier ist auch ganz unspektakuläre empirische Forschung erforderlich. Und – der Gesetzgeber ist hier gefragt, zukünftig neuen Anforderungen bei der Formulierung von Gesetzen (und damit letztlich Verwaltungsprozessen) ausreichend Rechnung zu tragen.
Beides, so scheint es mir, liegt aber in noch in ferner Zukunft…
9 Alexander Schellong // Jan 3, 2011 at 08:41
Danke Tino. Ein sehr guter und nötiger Beitrag.
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