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Korruptionsbekämpfung in Echtzeit

Februar 7th, 2017 · 1 Kommentar

Big Data in der öffentlichen Verwaltung am Beispiel der Estnischen Steuer- und Zollbehörden

Autorin: Ines Mergel

Steuerbehörden nutzen verschiedene Techniken und Datensätze um Steuerhinterziehung und Korruption in ihren Ländern aufzudecken oder zu verhindern. In Deutschland wurden die Steuer-CDs berühmt berüchtigt und führten Jahre nach der tatsächlichen Steuerhinterziehung zu Selbstanzeigen. Diese „analoge“ Vorgehensweise ist langwierig, beruht auf Datenleaks, aber nicht auf proaktivem Vorgehen der Steuerbehörden. Im Gegensatz dazu ist die Nutzung von Big Data in den Estnischen Steuer- und Zollbehörden ein zeitgemäßer und scheinbar auch sehr erfolgreicher Ansatz zur Korruptionsbekämpfung nahezu in Echtzeit.

Big Data sind Internet-generierte Daten, die sich aus den Onlineinteraktionen von Menschen mit Webseiten und physischen Sensoren ergeben. Die resultierenden Datensätze, die allgemein aufgrund ihrer Größe, der Schnelligkeit ihrer Erstellung und den daraus resultierenden Möglichkeiten zur Echtzeitanalyse definiert werden, erlauben der öffentlichen Verwaltung Einsichten in die Bedürfnisse und tatsächlichen Handlungen von Bürgern. Sie stellen eine Kombination aus Social Media-Daten wie geteilten Videos und Fotos, likes/shares, Onlinebanking, Onlineeinkäufen, und Mobilfunkdaten dar.

Staat weiter Steuer-CDs zu kaufen, können Behörden mit Big Data Analysen Steuersündern selbst auf die Schliche kommen. Foto: BS/pixabay, paulina101

Statt weiter Steuer-CDs von ominösen Anbietern zu kaufen, können Behörden mit Big Data Analysen Steuersündern selbst auf die Schliche kommen. Foto: BS/pixabay, paulina101

Traditionelle Arbeitsweise mit Datensätzen

Traditionell arbeitet die öffentliche Verwaltung mit administrativ designten und aufwendig gesammelten Datensätzen, die vor allem aus den direkten Interaktionen mit Bürgern entstehen. Administrative Daten können einem Vorgang und individuellen Personen oder Haushalten zugeordnet werden. Beispiele dafür sind Zensusdaten, oder bisherige bearbeitete Fälle, die in Kombination mit professionellem Verständnis der Beamten für sogenannte predictive analytics dazu genutzt werden zukünftige Trends vorherzusagen. Dagegen werden Big Data-Datensätze automatisch generiert, sind unstrukturiert, und bedürfen hohem Einsatz um die Daten für die öffentliche Verwaltung nutzbar zu machen.
Fachaufgaben effizienter und effektiver gestalten
In Kombination können Big Data und administrative Daten dazu beitragen die Fachaufgabe der öffentlichen Verwaltung effizienter und effektiver zu gestalten. Dies zeigt sich am Beispiel der Estländischen Steuerbehörden, die Big Data-Analysen einsetzen um schnell Steuerhinterziehung zu identifizieren um möglichst noch am gleichen Tag die Ermittlungen vor Ort einzuleiten.

Risikoprofile werden kontinuierlich angepasst

Die Zoll- und Finanzbeamten haben basierend auf standardisierten Finanzströmen für unterschiedliche Unternehmensformen zunächst sogenannte Risikoprofile angelegt, die mit echten Finanzdaten getestet werden und kontinuierlich – wenn notwendig sogar täglich – dem tatsächlichen Geschäftsgebaren angepasst werden. Zusätzlich zu den Risikoprofilen dienen sogenannte Key Performance Indicators – Leistungskennzahlen – in Kombination mit den weiteren Datensätzen wie z.B. Banküberweisungen, Rechnungen, Unternehmensregister, Grundbucheinträgen. Aber auch Daten von Internet-Autobörsen werden miteinbezogen, um herauszufinden ob Verkäufer ihre Einkommen versteuern.
Bei Abweichungen Warnungen an das Analysesystem
Sobald sich Abweichungen zu den steuerpflichtigen Finanzströmen ergeben, die dem Profil des Unternehmens nicht entsprechen, werden aufgrund der vordefinierten Algorithmen Warnungen an das Analyseteam geschickt, die die Daten mit ihrer eigenen Einschätzung an die Fachabteilung weiterleiten. In Kombination mit den fachlichen Einschätzungen der Fachbehörden und den durch die Risikoanalyse entsteht somit eine klarere Risikoeinschätzung, die die Steuer- und Zollbehörden nutzen um weitere Schritte einzuleiten. Entweder werden die Risikoprofile des Unternehmens auf die neue Situation angepasst, so dass keine Warnungen mehr entstehen, oder Betriebsprüfer leiten Kontrollen noch am gleichen Tag ein.

Frühzeitiges Erkennen erlaubt präventives Handeln

Diese Art der Echtzeitanalyse und -interpretation von großen Datenströmen erlaubt es den Estnischen Steuer- und Zollbehörden Informationen über die gegenwärtige Steuersituation des Landes zu ermitteln. Zukünftig können die bereits etablierten Tools auch dafür genutzt werden, um aus den in den Finanzströmen erkennbaren Mustern vorherzusehen, ob es einem Unternehmen schlecht gehen wird. Predictive analytics können dann auch dazu beitragen die Belastungen des Staates und das Aufkommen potentieller sozialer Probleme frühzeitig zu erkennen und eventuell präventiv einzugreifen – zumindest vorbereitet zu sein.

 

Prof. Dr. Ines Mergel wird auf dem 1. Fachkongress „Digitaler Staat“ am 9./10. Mai in Berlin zum Thema „Digital Public Service Teams“ sprechen. Weitere Informationen zum Kongress unter www.digitaler-staat.org

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Tags: Verwaltungsmodernisierung

1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Wolfgang Ksoll // Feb 7, 2017 at 13:25

    Oh, da scheint aber etwas durcheinander gekommen zu sein. Auf den CDs, die deutsche Steuerfahndern zugänglich gemacht wurden, handelt es sich im Daten aus Schweizer Banken, die solange dem schweizerischen Steuergeheimnis unterliegen, wie die US-Behörden nicht mit Wirtschaftssanktionen gegen die Schweiz drohen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Steuers%C3%BCnder-CD
    Sollen wir jetzt aus dem Artikel schließen, dass es in Estland kein Bankgeheimnis gibt und die Behörden in Echtzeit als Big Data Bankkonten durchschnüffeln?
    Da lautet in anderen Veröffentlichungen aber ganz anders. Ich jeden falls glaube nicht, dass estnische Steuerbehörden Bankdaten in naehzu Echtzeit durchwühlen können. Da muss ein Missverständnis vorliegen oder estnische Banken wären eine Nogo-Aerea :-)
    Zudem ist Estland restriktiv, wenn Transparenz für die Verwendung der EU-Mittel gefordert wird: da muss gemahnt werden, statt dass sie in Echtzeit online zur Verfügung gestellt werden:
    europa.eu/rapid/press-release_IP-15-5140_de.pdf
    Zudem treibt Estland auch anderen Missbrauch: einerseits wird mit einer Flatrate von 20% Steuerdumping (bei gleichzeitigem EU-Beihilfe-Erhalt) gegen die andern EU-Länder betrieben. Und mit dem E-Citizenship (ohne Wahlrecht, also keine Bürgerschaft) sollen Briefkastenfirmen zur Steuerverkürzung angelockt werden. Solch Unsinn ist in Irland auch ganz böse auf die Nase gefallen: EU abzocken und mit Subventionen Marktverzerrungen schaffen.
    Wenn es aber nur um Big Data legal erhaltener Daten geht, macht das auch die deutsche Steuerverwaltung schon lange, in dem sie die Steuerdaten elektronisch durchwühlt und nur bei Auffälligkeiten manuelle Stichproben macht.
    Estland macht elektronisch viele schicke, tolle Sachen, aber man sollte schon genauer hinsehen.
    Z.B. macht eine elektronische Ticketkontrolle in ÖPNV-Bussen ökonomisch keinen Sinn, wenn Einheimische kostenlos fahren und Touristen 6 € die Woche.

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