government2020 header image 2

Smart Government

September 15th, 2015 · Keine Kommentare

Warum die intelligente Vernetzung jetzt zu einem Leitbild „Verwaltung 4.0“ und einem smarten Regierungs- und Verwaltungshandeln führen sollte

von Jörn von Lucke

In unserem Alltag können wir eine zunehmende „intelligente Vernetzung realer und virtueller Objekte“ beobachten. Hiermit lässt sich zugleich sehr treffend das Phänomen hinter dem verbreiteten Anglizismus „smart“ umschreiben. Mit Sensoren, Aktoren und Funkchips ausgestattete Dinge können miteinander und mit Menschen kommunizieren, über Apps und Dienste genutzt und in komplexere, so genannte cyberphysische Systeme (CPS) eingebettet werden. Beispielsweise lässt sich ein im Ozean verteiltes Netz an smarten Bojen mit IT zu einem Tsunami-Frühwarnsystem ausbauen. Systeme mit intelligent vernetzten realen und virtuellen Objekten werden so zu sich selbst steuernden Ökosystemen, die nicht nur bei Information und Analyse unterstützen, sondern auch Automation und Steuerung eigenständig übernehmen können.

Das Internet der Dienste und Dinge erfordert auch ein intelligent vernetztes Regierungs- und Verwaltungshandeln. Grafik: von Lucke, Zeppelin Universität

Das Internet der Dienste und Dinge erfordert auch ein intelligent vernetztes Regierungs- und Verwaltungshandeln. Grafik: von Lucke, Zeppelin Universität

 


Die deutsche Wirtschaft sieht darin eine echte Herausforderung für ihre Geschäftsmodelle und ihre Zukunft, insbesondere wenn kleine technische Erweiterungen zu einer disruptiven Transformation führen und die Wettbewerbssituation etwa im Maschinenbau und Automobilbau grundlegend verändern. Als Reaktion darauf konkretisieren Wissenschaft, Wirtschaft und Bundesregierung mit der Initiative „Industrie 4.0“ das Leitbild der smarten Fabrik. Im öffentlichen Bereich wird das Leitbild der nachhaltigen smarten Stadt bemüht, um Projektvorhaben im Bildungs-, Energie-, Gesundheits- und Verkehrswesen aufzusetzen. Tatsächlich ist die öffentliche Verwaltung jedoch sehr viel breiter aufgestellt. Mit unserem neuen Gutachten widmen wir uns dieser Herausforderung in Staat, Verwaltung und öffentlichem Raum. Konkret schlagen wir die Häfler Definition von Smart Government für ein intelligent vernetztes Regierungs- und Verwaltungshandeln vor:

„Unter Smart Government soll die Abwicklung geschäftlicher Prozesse im Zusammenhang mit dem Regieren und Verwalten (Government) mit Hilfe von intelligent vernetzten Informations- und Kommunikationstechniken verstanden werden. Ein intelligent vernetztes Regierungs- und Verwaltungshandeln nutzt die Möglichkeiten intelligent vernetzter Objekte und cyberphysischer Systeme zur effizienten wie effektiven Erfüllung öffentlicher Aufgaben. Dies schließt das Leistungsportfolio von E-Government und Open Government einschließlich Big Data und Open Data mit ein. Im Kern geht es um ein nachhaltiges Regierungs- und Verwaltungshandeln im Zeitalter des Internets der Dinge und des Internets der Dienste, die technisch auf dem Internet der Systeme, dem Internet der Menschen und dem Internet der Daten aufsetzen. Diese Definition umfasst sowohl die lokale oder kommunale Ebene, die regionale oder Landesebene, die nationale oder Bundesebene sowie die supranationale und globale Ebene. Eingeschlossen ist somit der gesamte öffentliche Sektor, bestehend aus Legislative, Exekutive und Jurisdiktion sowie öffentliche Unternehmen.“

Das dazugehörige Leitwort „Verwaltung 4.0“ steht damit für die technische Integration von CPS in die öffentliche Verwaltung sowie für die Anwendung des Internets der Dinge und der Dienste, einschließlich der sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Wertschöpfung, die Geschäftsmodelle sowie die nachgelagerten Dienstleistungen und die Arbeitsorganisation. Hieraus lässt sich ein verständliches wie visionäres Häfler Leitbild für eine intelligent vernetzte Verwaltung ableiten, dass wir auf der IRIS 2015 bereits vorgestellt hatten:

„Intelligente Objekte wie etwa smarte Brillen, smarte Fernseher, interaktive Leinwände und vernetzte Kleidungsstücke können in Ministerien, Behörden, Entscheidungsprozessen und Verfahrensabläufen sehr unterschiedliche Verwendung finden. Das gewaltigste Veränderungspotential liegt jedoch nicht im intelligenten Papier, sondern in dessen Überführung in ein intelligentes elektronisches Format. Die flächendeckende Einführung interoperabler elektronischer Akten- und Vorgangsbearbeitungssysteme verlagert Dokumente, Akten, Vorgänge und darauf aufsetzende Dienste in das Internet der Dinge und das Internet der Dienste. Zentrale Aufgaben der Informationsverarbeitung und Entscheidungsfindung lassen sich hochautomatisiert gestalten, ohne (dabei) menschliche Entscheidungsträger aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Dies ermöglicht eine stärkere Massenbearbeitung von Einzelanträgen, Rechnungen und Genehmigungsprozessen. Intelligente Vorgänge unterstützen aktiv die Vorgangsbearbeitungsprozesse. Vorgänge steuern sich selbst durch Zuständigkeiten und dynamische Wertschöpfungsnetzwerke. Autonome, sich selbst organisierende Vorgangsbearbeitungssysteme mit Genehmigungsfiktion ersetzen die bewährte papierbasierte wie botenlastige Aktenhaltung. Portalbasierte einheitliche Ansprechpartner kümmern sich um das gesamte Anliegen der Bürger und Unternehmen, ohne diese mit administrativen Kenntnissen zu überfordern. Proaktive Verwaltungsleistungen und intelligente Bescheide ergänzen das Leistungsportfolio. All diese neuartigen kooperativen Ansätze stärken die dynamische Selbstorganisation und können zur Auflösung von klassischen Zuständigkeits- und Fachbereichsgrenzen führen.“

Ein solcher Ansatz muss natürlich integrierend angelegt sein. Im Kern geht es uns um die Frage, welcher smarten Objekte der öffentliche Sektor bedarf und in welche CPS diese einzubetten sind. Zugleich ist sicherzustellen, dass diese sich in das Internet der Systeme, das Internet der Menschen, das Internet der Daten, das Internet der Dinge und das Internet der Dienste einfügen. Hier ist eine besondere Sensibilität geboten, denn smarte Objekte und CPS können, auch unbeabsichtigt, gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung verstoßen. Information und Analyse, Automation und Kontrolle über das Internet der Dinge und das Internet der Dienste sind dort zu begrenzen, wo diese Schaden anrichten.
Wir haben in sechs Smart Government-Szenarien erste Konkretisierungen zu Feuerwehr 4.0, Gericht 4.0, Finanzverwaltung 4.0, Standesamt 4.0, Landwirtschaft 4.0 und Bauverwaltung 4.0 erarbeitet. Mit ihnen wollen wir den gemeinsamen Dialog von Wissenschaft, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft über die inhaltliche Gestaltung von Verwaltung 4.0 eröffnen. Schließlich haben wir uns in Deutschland bisher noch viel zu wenig über smarte Feuerwehranzüge, smarte Feuerwehrhelme, smarte Navigationssysteme für Rettungskräfte, smarte Notfallzentralen, smarte Feuerwehrschläuche und Rettungsdrohnen nachgedacht.

Ausgehend von unserem breiten Verständnis eines intelligent vernetzten Regierungs- und Verwaltungshandelns stellt sich uns zugleich die Frage nach einer weiteren Forschungsagenda. Gefragt sind Vorschläge der Wissenschaft, um mit Unterstützung und in Partnerschaft mit öffentlicher Verwaltung, der Wirtschaft und Bürgern sich den zentralen Fragestellungen zu nähern und um die vielfältigen offenen Fragen einer Realisierung bestmöglich zu beantworten. Im Sinne einer gestaltungorientierten Forschung geht es um die inhaltliche Gestaltung intelligent vernetzter Objekte, CPS und darauf aufsetzender Anwendungsszenarien im öffentlichen Sektor. So gilt es zu klären, welche Ansätze smarter Objekte sich für den Einsatz im öffentlichen Sektor eignen. Darauf aufsetzend stellt sich die Frage, welche und vor allem wie vertrauenswürdige und verlässliche CPS für den öffentlichen Sektor zu konzipieren, zu bauen, zu vernetzen, zu steuern, zu kontrollieren und zu warten sind. Drittens ist zu prüfen, welche bereits vorhandenen smarten Objekte und CPS sich zur Aufgabenerfüllung in Staat und Verwaltung eignen. Die Entwicklung von Szenarien zu Smart Government wird helfen, wie sich das Leitbild „Verwaltung 4.0“ unterschiedlich konkretisieren lässt. In aller Konsequenz müssen diese Ansätze in eine Government Enterprise Architektur über Kreis- und Landesgrenzen hinweg integriert werden. Aus einer juristischen Perspektive gilt es zu prüfen, welcher Regelungs- und Rechtsgestaltungsbedarf besteht. Für die empirische Sozialforschung stellen sich zu diesem Zeitpunkt viele Fragen, insbesondere aber wie Bürger im Sinne eines bürgerorientierten Smart Government aktiv miteingebunden werden könnten.
In Deutschland sind ein „intelligent vernetztes Regierungs- und Verwaltungshandeln“, „Smart Government“ und „Verwaltung 4.0“ noch keine etablierten Schlagwörter. Konkretisierungen der Begriffe „smarte Behörde“, „smarte Bescheide“, „smarte Beamte“ und „smarte Bürger“ stehen noch aus, während der „smarte Flüchtling“ längst Realität geworden ist und viele Staaten vor erhebliche Herausforderungen stellt. Ebenso fehlen weitere Leitbilder zum Umgang von Staat und Verwaltung mit dem Internet der Dinge und dem Internet der Dienste. Die inhaltliche Gestaltung eines intelligent vernetzten Regierungs- und Verwaltungshandelns sollte aber rasch eingeschlagen werden, denn die technische Entwicklung schreitet voran. Gerade das disruptive Potential von intelligent vernetzten Objekten und CPS machen eine intensivere inhaltliche Auseinandersetzung und einen gesellschaftlichen Diskurs über Smart Government erforderlich. Mit Blick auf das hohe Datenschutzniveau in Deutschland wird sich die Bevölkerung auch kritisch mit intelligent vernetzten Objekten und CPS auseinandersetzen, die regelmäßig Sensordaten erfassen und an Analyse- und Steuerungssysteme weiterleiten. Von diesen Debatten können wir nur profitieren.
Dennoch eröffnen Ansätze eines smarten Regierungs- und Verwaltungshandelns auf Grundlage einer intelligenten Vernetzung vorhandener und neuer Objekte ganz neue Möglichkeiten. In ihrer Summe können diese zur weiteren Steigerung der Lebensqualität, zur Verbesserung der Standortqualität und zur Stärkung der Bürgerorientierung beitragen. Smarte Objekte und CPS werden dort Verwendung finden, wo sie zu Innovationen führen, Mehrwerte schaffen, Effizienzsteigerungen bieten oder Kosten senken. Steigende Bandbreiten stärken vor allem das Internet als zentrale Kommunikationsplattform. Eine inhaltliche Auseinandersetzung ist jetzt dringend geboten, denn ansonsten besteht die Gefahr, dass man in Deutschland ohne Kenntnisse und ohne Engagement keinerlei Gewicht besitzt und kaum Einfluss auf die Gestaltung entsprechender Informations- und Entscheidungssysteme nehmen kann. Stattdessen müssten sich Staat und Verwaltung dann mit anderswo gestalteten Lösungen begnügen, die ihren Anforderungen nur bedingt entsprechen und oft mit unbeabsichtigten Nebenwirkungen verbunden sind. Daher empfiehlt sich eine schrittweise erfolgende, fundierte inhaltliche Auseinandersetzung mit den Potentialen ausgewählter intelligenter Objekte und CPS, mit ihren Chancen, Risiken, Grenzen und Herausforderungen sowie ein darauf aufsetzendes Arbeitsprogramm zur nutzbringenden wie eigenständigen Erschließung eines smarten Regierungs- und Verwaltungshandelns. Die öffentliche Verwaltung in Deutschland sollte dieses sich derzeit öffnende Zeitfenster zur digitalen Neugestaltung vieler Fachaufgaben und Abläufe und zum Aufbau einer intelligent vernetzten digitalen Verwaltungsinfrastruktur für die anstehenden Jahrzehnte dringend nutzen. Versiegen durch die vorhersehbare demographische Entwicklung erst einmal die finanziellen Ressourcen, wäre es für eine aktive Gestaltung viel zu spät.

Diese Gedanken finden sich ausführlicher formuliert im Whitepaper Smart Government wieder: https://www.zu.de/info-de/institute/togi/assets/pdf/ZU-150914-SmartGovernment-V1.pdf

Siehe hierzu auch den Trendreport „Smart Governmment“ unter http://www.government2020.de/blog/?p=1705

Artikel teilen!

Tags: IT / E-Government

0 Antworten bis jetzt ↓

  • Es gibt keine Kommentare bis jetzt...

Hinterlasse ein Kommentar

*