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“Modell Quickborn” reborn

September 12th, 2012 · Keine Kommentare

Wie Bürger ihrer Stadt Geld leihen können

Aus aktuellem Anlass (die Stadt Oestrich-Winkel ist die erste Pilot-Kommune, die mit der Hilfe von leihdeinerstadtgeld einen Kredit bei ihren Bürgern aufnimmt) und weil es weiterhin eine interessante Idee ist, hier nochmal der Text aus der Printausgabe Februar des Behörden Spiegel.

Autor: Carsten Köppl

Es ist nicht nur die Suche nach neuen Geldquellen: Drei junge Männer aus Mainz haben eine Methode erfunden, wie Bürger ihrer Stadt für bestimmte Vorhaben Geld leihen können. Der Spender erhält marktübliche Zinsen, die Stadt einen günstigen Kredit. Hinzu kommen mehr Transparenz über städtische Vorhaben und ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl der Bürger zu ihrer Stadt. Vorstellung eines innovativen Finanzierungsmodells mit dem Charme des Zeitgeistes.

Johannes Laub, Steffen Boller und Jamal El Mallouki (v. l.) haben das Unternehmen “leihdeinerstadtgeld” gegründet und helfen Kommunen dabei, Bürgerkredite zu vergeben. Foto: BS/Christopher Kreuzberger/LeihDeinerStadtGeld GmbH

Die Bundesregierung und Thüringen haben Spendenkonten eingerichtet. Hier können Bürger dem Staat Geld spenden, was dieser dann zweckgebunden zur Tilgung der Altschulden einsetzen muss. Dieses Modell hat was von “Geld abladen”, in der Hoffnung, die Bürger hätten so viel davon, dass sie schon nicht mehr wissen wohin damit. Noch nicht einmal eine Spendenquittung gibt es dafür. Die Bundesregierung hat auf diese Weise immerhin rund 110.000 Euro zusammenbekommen. Die Spendenhöhe in Thüringen ist nicht bekannt.
Die niedersächsische Stadt Quickborn hatte 2009 mehr Erfolg bei dem Einwerben von Bürgergeldern: Für den Bau und die Sanierung von Schulgebäuden und die Erweiterung der Feuerwehrwache kamen in wenigen Tagen vier Millionen Euro zusammen. Der Bürgermeister Thomas Köppl und seine Kämmerin Meike Wölfel schätzten damals, dass sie locker auch acht Millionen Euro an Bürgerkrediten zusammenbekommen hätten, aber sie machten bei vier Millionen einen Schnitt. Eine tolle Bilanz für eine 20.000-Einwohner-Stadt. Das Geld wurde allerdings nicht gespendet, sondern geliehen, mit einer drei prozentigen Verzinsung. Die Kredite kamen von 80 Bürgern, hauptsächlich aus Quickborn und Hamburg. Ein Mann legte sogar gleich eine Million Euro auf diese Weise an. Diese bundesweit beachtete Aktion wurde nur zwei Monate später jäh von der Bundesfinanzagentur (BaFin) und der Kommunalaufsicht gestoppt: Sie sahen in dem Bürgerdarlehen ein Bankgeschäft, das von Kommunen generell nicht getätigt werden darf. Die Stadt durfte zwar keine neuen Kredite von den Bürgern mehr aufnehmen, musste aber die bestehenden Kreditverträge auch nicht rückgängig machen. So blieb die Aktion bislang in Deutschland einmalig.

Banking im Web-2.0-Zeitalter

“Wir dachten damals: Das kann nicht sein, dass dieses coole Modell an rechtlichen Vorgaben scheitert”, sagt Jamal El Mallouki. Also steckten er, Johannes Laub und Stefan Boller die Köpfe zusammen, um eine Methode zu entwickeln, wie Bürgerkredite in Zukunft rechtlich einwandfrei funktionieren können. Die damaligen Studenten fanden sogar mehrere Modelle, entschieden sich aber nach vielen Gesprächen, u. a. mit Behörden, für eines und gründeten im August 2011 die LeihDeinerStadtGeld GmbH.
“Es braucht den Rechtsrahmen einer Bank, um Kreditgeschäfte abzuwickeln”, erläutert El Mallouki. Dafür bedarf es einer  Lizenz der BaFin. Kommunen können per se keine solche Banklizenz erhalten. Daher suchten sich die drei Gründer ein passendes Geldhaus – sie entschieden sich für die Fidor Bank. Ein junges und innovatives Bankhaus, das mitten in der Wirtschaftskrise im Dezember 2009 gegründet wurde und ein Gegenmodell zu den vertriebsorientierten Geschäftsmodellen etablierter Banken bilden soll. Hier können und sollen sich die Bankkunden über Online-Communities austauschen, um ihr Wissen über Bankprodukte zu erweitern. Vor allem aber können die Kunden des Fidor Community Bankings selbst entscheiden, ob sie ihren Geldbedarf über die Fidor Bank AG oder “peer-to-peer”, also mit anderen Kunden decken wollen. “Wir werden oft gefragt, warum wir nicht mit den Sparkassen zusammenarbeiten”, erzählt El Mallouki. “Sie sind dezentral organisiert, das heißt wir müssten mit allen verhandeln und unterschiedliche IT-Strukturen aufsetzen. Außerdem sind teilweise die Transaktionskosten mit 30 Cent pro Überweisung einfach zu hoch“.

Anders als Quickborn, das eine Mindesteinlage von 5.000 Euro festgelegt hatte, entschieden sich El Mallouki und seine beiden Kollegen mit 100 Euro für eine sehr geringe Kreditschwelle. “Wir wollen, dass sich so viele Bürger wie möglich an den städtischen Projekten beteiligen – schließlich soll damit auch die Identifizierung mit der Stadt gestärkt werden“. Bei 100 Euro und einer zwei prozentigen Verzinsung bleibt ein Gewinn von zwei Euro, “davon 30 Cent abziehen wegen einer Überweisung ist nicht vermittelbar”, sagt der geschäftsführende Gesellschafter.

Zinsen der Stadt spenden

Und so funktioniert es: Eine Stadt braucht einen Kredit in Höhe von drei Millionen Euro für die Sanierung einer Schule. Von der Kreditsumme schreibt die Stadt eine Million als Bürgerkredit aus. Die Kommune legt fest: zwei Prozent Zinsen mit einer Laufzeit von drei Jahren. Das Vorhaben wird auf der Webseite www.leihdeinerstadtgeld.de eingestellt und innerhalb der Stadt, z. B. durch die lokalen Medien, bekannt gemacht. Die interessierten Bürger gehen auf die Homepage und können nun quasi wie bei einer Online-Buchbestellung dem Projekt Geld leihen. Dabei haben sich die drei Unternehmer für zwei Besonderheiten entschieden: Überweisung statt Einzugsermächtigung und die Zinsen-Spenden-Funktion. “Ganz wenige Daten zu erheben, ist der beste Datenschutz”, erklärt El Mallouki. Daher wurde bewusst die Überweisung anstelle eines Bankeinzuges ausgewählt. Außerdem kann der Kreditgeber selbst den Zinssatz auswählen. Die Stadt setzt den Höchstsatz, der Bürger kann aber einen niedrigeren Zins auswählen und so der Stadt die Differenz als Spende schenken. Dafür ist auf der Homepage ein  Spendenrechner integriert. “Bei der Mindesteinlage von 100 Euro kann man die zwei Euro Zinsen auch spenden. Machen das alle, spart die Kommune richtig Geld”, erläutert El Mallouki. Der Bürgerkredit sei aber auch ohne Spenden wirtschaftlich, ergänzt er (siehe dazu das Rechenbeispiel). Die Einzahlzeit auf das Treuhandkonto dauert etwa vier bis sechs Wochen. Dann vergibt die Fidor Bank einen Kredit an die Kommune in der Höhe der eingesammelten Bürgerkredite mit den gleichen Konditionen. Im nächsten Schritt verkauft die Bank den Bürgern ihren äquivalenten Anteil des großen Kommunalkredits. Der Spender hält einen direkten Anteil an dem Projekt der Kommune, die Bank ist dann quasi raus. “Wir sind kein Bankprodukt, unser Modell ähnelt den Peer-to-peer-Krediten, bei denen Bürger Bürgern Geld leihen. Die Bank gibt nur den Rechtsrahmen.”

Vorreiter Stadt Langen

Bislang haben die drei Gründer allerdings noch kein Projekt in ihrer Datenbank. Bis jetzt wurden viele Gespräche geführt und Überzeugungsarbeit geleistet. Vier Städte haben sich bereit erklärt, Bürgerkredite auszuprobieren. Bei drei Kommunen, aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, ist es noch nicht spruchreif. Als Vorreiterin wird aber bald die Stadt Langen in Niedersachsen starten. Hier werden rund drei Millionen Euro für einen Solarpark benötigt, zehn Prozent davon, also ca. 300.000 Euro, sollen aus Bürgerkrediten eingesammelt werden. “Wir haben in der Stadt eine gute Beteiligung und viel Interesse. Mit diesem Projekt können wir unsere Bürger ganz neu einbinden und sie können ihr Geld sicher anlegen”, sagt Bürgermeister Thomas Krüger. Er stellt aber auch klar, dass der Bürgerkredit die marktüblichen Zinsen nicht  überschreiten darf. Die Stadt Langen hat schon Erfahrungen gesammelt: 2005 legte Bürgermeister Krüger den vermutlich ersten Bürgerfonds Deutschlands auf, bei dem bis heute erfolgreich Geld für soziale Projekte gesammelt wird. Es folgte die “Statt-Aktie”, mit deren Kauf die freiwilligen Leis tungen der Stadt (z. B. Kultur, Sport) unterstützt werden. “Bei leihdeinerstadtgeld bekommen die Bürger ihr Geld zurück, sogar mehr, als sie eingezahlt haben. Das kennen die von mir gar nicht”, lacht Krüger. (Update 12.09.2012: Die Änderung der gesetzlichen Bestimmungen in der Solarförderung führten zu Verzögerungen bei diesem Projekt.)

Ein Rechenbeispiel
So soll es laut “leihdeinerstadtgeld” funktionieren: Eine Stadt wählt für den Bürgerkredit eine sechsjährige Laufzeit. Das Zinsniveau für sechsjährige Festgelder liegt im bundesweiten Durchschnitt bei aktuell rund 1,74 Prozent, für Bundeswertpapiere bei 1,14%. Die Stadt entscheidet sich für eine Verzinsung auf Festgeldniveau:
• Zinsen für Bürger: 1,75 Prozent p. a.
• Abwicklungsgebühr: 0,25 Prozent einmalig
• Administrationsgebühr: 0,25 Prozent p.a.
• Der Effektivzins über die Laufzeit beläuft sich für die Stadt auf ca. 2,04 Prozent p. a.. Verglichen mit einem Kommunalkredit (2,24 Prozent p. a.) spart unsere Musterstadt jährlich mindestens 0,20 Prozent an Zinsen (zzgl. Einsparungen durch die Zinsspende).
• Bei einem Kredit in Höhe von vier Mio. Euro spart die Stadt dadurch mindestens 48.000 Euro Zinsen über die Laufzeit.

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Tags: Haushaltsmodernisierung

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