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Process, baby!

August 1st, 2012 · 1 Kommentar

Die Open Government Bewegung wiederholt die Fehler von Bund Online

Autor: Carsten Köppl

Bund Online lebt weiter! Zu Zeiten dieser großen E-Government-Initiative (von 2000 bis 2005) wurde im Jahresrhythmus die wachsende Zahl der online verfügbaren Dienstleistungen als Erfolge gefeiert. Schließlich standen Bürgern, Wirtschaft und Verwaltungen 440 Verwaltungsdienstleistungen online zur Verfügung. Nutzer hatten die meisten allerdings kaum, weshalb man sich heute leicht belustigt an Bund Online zurückerinnert. Umso unbegreiflicher, dass man nichts daraus gelernt hat, was die derzeitige Herangehensweise an Open Government beweist.

Massenverfahren statt
1,5 Bürgerkontakte

Für die Gewerkschaften ist die Lage klar: “Die Bürger in Deutschland haben über viele Jahre gezeigt, dass sie E-Government im Grunde nicht wollen”, so das Fazit eines hohen Gewerkschaftsfunktionärs. Da überzeugt auch nicht der fünfprozentige Anstieg der E-Government-Nutzung auf 45 Prozent, die der E-Government-Monitor von D21 herausgefunden haben will. In Schweden und Österreich liegt die Nutzung übrigens bei rund 70 Prozent. Wer also in Deutschland braucht E-Government? Eine berechtigte Frage – zumindest so lange, wie Politik, Verwaltung, Unternehmen und Wissenschaft weiterhin E-Government vom Bürger aus denken. Denn worum es wirklich geht, ist, regelmäßig stattfindende Prozesse zu automatisieren – und nicht die 1,5 Verwaltungskontakte der Bürger pro Jahr.

Wiederholungsfehler?

Die ausschließliche Hinwendung zum Bürger hat sich beim E-Government als großer strategischer Fehler erwiesen. Und derzeit sind viele Befürworter des Open Governments aus der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft und der Verwaltung dabei, den Fehler von Bund Online zu wiederholen. Allüberall wird nur der Nutzen für den Bürger betont, bei Open Data allenfalls noch der wirtschaftliche Nutzen für eine überschaubare Zahl von Unternehmen der digitalen Kreativwirtschaft. Durch eine Steigerung der Verwaltungs- und Politiktransparenz und der Ermöglichung von mehr Partizipation, wird ein völlig neues Demokratie-Erlebnis versprochen. So sieht der E-Government-Monitor von D21 die wichtigsten Zukunftsfelder für Open Government neben Open Data bei der “persönlichen Kontaktaufnahme und der Online-Beteiligung”.

Prozesssicht vielversprechend

Erst vor wenigen Jahren hat im E-Government die Prozess- die Bürgersicht ergänzt. Seitdem werden in einzelnen Modellprojekten Prozessketten betrachtet, vor allem innerhalb der Verwaltung. Im Vordergrund steht jetzt, Massenverfahren zu automatisieren. Das Projekt P23R ist hierfür ein Beispiel ebenso wie diverse Shared Service Center / Dienstleistungszentren in der Verwaltung. In der Prozesssicht werden plötzlich ganz neue Möglichkeiten sichtbar, z.B. die Beibehaltung kleinteiliger politischer Kommunalstrukturen bei gleichzeitiger Bündelung von Back-Office-Prozessen (siehe dazu auch den Blog-Post von Sönke E. Schulz: Stadt neu denken). Dadurch werden beträchtliche Kosten gespart, die Gemeinden entlastet und eine bürgernahe Politik (durch eine Verhinderung von Gemeindezusammenlegungen) gewahrt.

Ergänzung um
offene Schnittstellen

Wenn die Fehler von Bund Online nicht noch einmal wiederholt werden sollen, ist bei Open Government jetzt dringend die Prozesssicht zu ergänzen. Eine Fokussierung auf (automatisierte) Massenverfahren und deren Ergänzung bzw. Reorganisation um offene Schnittstellen (siehe dazu auch den Blog-Post von Philipp Müller: Offene Staatskunst: Eine neue Logik gemeinschaftlichen Handelns) verspricht große Effizienz- und Qualitätsgewinne. Der allseits bekannte Märker Brandenburg ist hierfür ein Beispiel. Die Behörden-Rufnummer D115 könnte um einen systematischen Rückkanal erweitert werden, bei dem Bürger Vorschläge für Verbesserungen einbringen können. Innerhalb der Verwaltung könnten über ein geeignetes Kollaborationstool (Wiki, Soziales Netzwerk, etc.) z.B. Sachbearbeiter mittels Erfahrungs- und Wissensaustausch gemeinsam ihre Prozesse optimieren. Für die Weiterentwicklung des Open Government-Ansatzes wäre es wichtig, hier weitere Ideen und Einsatzmöglichkeiten zu entwickeln.

Die Bürger honorieren eine effiziente, gut organisierte und offene Verwaltung. Vor allem dann, wenn sie weniger Kosten verursacht bei gleichbleibender oder sogar steigender Dienstleistungsqualität. Der Wechsel von der Bürger- zur Prozesssicht in E- und Open Government ist daher gerade im Sinne des Bürgers.

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Tags: IT / E-Government · Verwaltungsmodernisierung

1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Markus Schenk // Aug 2, 2012 at 15:32

    Ausgezeichneter Artikel!
    Ich kann nur bestätigen, dass ein internetbasiertes Service oder eine App – trotz allem Hype – ohne effizientes Backoffice niemals die Erwartungen von Wirtschaft und Bürgern erfüllen kann.
    Zu Bund Online Zeiten gab es noch Empfehlungen wie “Drucken wir doch am Webserver alles aus” – offensichtlich wird diese Denkweise noch nicht überall als falsch erkannt.
    Beim Ländervergleich muss ich zudem ergänzen, dass in Österreich vor den internetbasierten Services oder Apps ein funktionierendes Backoffice mit medienbruchfreien, elektronischen Geschäftsprozessen aufgebaut wurde.

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