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Territorialität der Verwaltung im Jahr 2020: Können ausgetretene Pfade verlassen werden?

Mai 17th, 2010 · 2 Kommentare

Autor: Prof. Dr. Tino Schuppan

Wenn man sich mit der Verwaltung der Zukunft beschäftigt, worum es ja in diesem Blog geht, gehört die Frage nach der Territorialität der Verwaltung zu einer der grundlegendsten. Denn mit dem Einsatz von IT kann Raum überbrückt werden. Zum Beispiel kann die Abgabe von Verwaltungsleistungen über Webportale erfolgen, was der üblichen Vorstellung einer entörtlichten Verwaltung entspricht.
Weitaus mehr Potenziale ergeben sich durch den Blick auf die Leistungserstellung, denn im Bereich der “Produktion“ gibt es weitaus mehr Möglichkeiten einer Entörtlichung, z.B. durch Schaffung von Shared Service Centern. Als Shared Service lassen sich Teile einer Prozesskette weitab vom Ort des Geschehens bzw. der Übergabe an den Adressaten zusammenführen. Das gilt zwar in erster Linie für Unterstützungsprozesse der Verwaltung, wie z.B. im Bereich der Finanzen, des Personals und der IT, aber auch kommunale Kernprozesse müssen nicht unangetastet bleiben. Das gilt vor allem dann, wenn sie nur deshalb durch eine Kommune ausgeführt werden, damit die Ortsnähe bei der Leistungsabgabe sichergestellt ist, wie z.B. die Kfz-Zulassung.
Das deutsche Zulassungswesen ist ein Beispiel dafür, wie Produktions- und Denkstrukturen, historisch bedingt, verörtlicht sind. Insgesamt gibt es 450 Stellen, in denen 10.000 Mitarbeiter damit beschäftigt werden, die Zulassungsprozesse auszuführen. Würde man hier klar getrennte Front- und Back-Office-Strukturen einführen, wären erhebliche Einsparungseffekte zu erzielen. Datenbanken, IT-Anwendungen, bestimmte Verwaltungsprozesse lassen sich weitab von einer Kommune effizienter ausführen, ohne dass darunter die Qualität der Verwaltungsarbeit leidet. Es geht hier nicht um eine simple Zentralisierung, sondern um eine wohl dosierte Re-konfiguration von Territorialität. Außerdem ist mit dem Vernetzungspotenzial genauso eine „Verörtlichung“ möglich, indem z.B. der Zugang zu Verwaltungsleistungen durch eine Gemeinde sichergestellt wird, die bisher im unter Umständen weit entfernten Kreissitz ausgeführt wurden.

Warum gelingt dann keine Neuordnung der Verwaltung nach den angesprochenen Gesichtspunkten? Ein Grund liegt darin, dass die örtliche Verwaltung in der gegenwärtigen Ausprägung für die Mitarbeiter, aber manchmal auch für Bürger, eine hohe Sinnstiftung und Identifikation liefert. Aus wirtschaftlichen Gründen wäre zwar eine Änderung sinnvoll und möglich, jedoch ist die Kraft von Symbolik, Macht und historisch ausgetretenen Pfaden nicht zu unterschätzen, die bei Territorialitätsfragen besonders ausgeprägt scheinen. Verwaltungshandeln und Verwaltungsreformpolitik sind stark interessen- und machtgeleitet, was insbesondere bei Veränderungen in Bezug auf Territorialität durchschlägt. Sachkriterien wie Wirtschaftlichkeit und Bürgernähe werden nur im Rahmen von Fensterreden für die Zuschauer hervorgeholt; dahinter spielt die Mikropolitik, das eigentliche Spielfeld.

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Tags: IT / E-Government · Verwaltungsmodernisierung

2 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Peter Klinger // Mai 20, 2010 at 07:07

    Herr Schuppan stellt zweifellos die richtigen Fragen. Allein in Deutschland fehlen die Antworten der Entscheidungsträger. Zwar können wir durch E-Government Verwaltungsdaten „entörtlichen“ und damit zur Grundlage neuer Verwaltungsproduktionsmodelle machen, doch darauf konzentriert sich bislang nicht der politische Wille und das Mittun der Verwaltungsführungen für derartige Veränderungen ist eher von Zurückhaltung geprägt. Zwei Beispiele dazu aus der jüngsten Vergangenheit: Neue Strukturen im Kfz-Zulassungswesen sind doch im Wesentlichen daran gescheitert, dass die wie Schuppan schreibt „hohe Sinnstiftung und Identifikation“ durch das Ortskennzeichen auf dem Autoschild unüberwindlich war. Zum anderen sei noch einmal die EG DLR erwähnt. Der Begriff „Einheitlicher Ansprechpartner“ suggeriert zunächst einen Quantensprung an Verwaltungsservice. Herausgekommen sind, wenn ich richtig gezählt habe, in NRW 24 „Einheitliche Ansprechpartner“. Dass diese in der Regel bisher nur wenig zu tun hatten liegt auf der Hand, zumal die weiter zuständig bleibenden Behörden natürlich durch eigene Serviceverbesserungen ihre Fälle behalten wollen. Und das bei 17,1 Milliarden € Kassenkrediten allein der Kommunen in NRW im Jahr 2009 und vielen Gemeinden mit Nothaushalten. Ich denke, dass an zwei Punkten angesetzt werden muss:
    Zum einen müssen Verwaltungsvorstände und Beschäftige sich des Themas Netzwerkfähigkeit annehmen. Verwaltung ist heute sozialisiert nach den Paradigmen sachliche und örtliche Zuständigkeit. Darunter wird im Verwaltungsleben das Alleinstellungsmerkmal für alle Dienstleistungen, Produkte und Prozesse verstanden. Dies gilt es zukünftig aufzuweichen. E-Government gibt den Gemeinden organisatorische und technische Funktionen an die Hand, die es gestatten, sich in Produktionsverbünden zu vernetzen. Die Dienstleistungsvermittlung geschieht weiter örtlich, aber nicht jede kommunale Gebietskörperschaft muss alle Produkte auch selbst produzieren. Es ist an der Zeit, in Haushaltssicherungskonzepten nicht mehr nur über die Schließung kommunaler Einrichtungen nachzudenken, sondern vielmehr die Produktionsprozesse kommunaler Leistungen auf den Prüfstand zu stellen. Dies in zweifacher Hinsicht:
    Einmal um diese zu optimieren, damit die Produktstückkosten gesenkt werden können. Zum anderen ermöglicht E-Government eine neue organisationsübergreifende Prozessgestaltung und damit ein Neues Kommunales Produktionsmodell, das gekennzeichnet ist durch kommunale Leistungsnetzwerke, die Dienstleistungen gemeinsam in Back Offices erbringen und zur Vermittlung örtliche Front Offices, und damit die örtliche Verwaltungsstruktur nutzen. Beide Chancen sind nur durch die Standardisierung kommunaler Prozesse bei gleichzeitiger Optimierung, Entbürokratisierung und Integration technischer E-Government-Funktionen zu realisieren.

    Dies bedarf allerdings der Rückendeckung durch die Politik. Da hat es E-Government allerdings schwer. Reinhard Riedl schreibt dazu in seinem lesenwerten Leitartikel „Innovation! Partizipation! Exzellenz! in eGov Präsenz 1/2010 (http://www.wirtschaft.bfh.ch/fileadmin/wgs_upload/wirtschaft_und_verwaltung/6_forschung/eGov-Praesenz/eGov_1_2010_web_03.pdf)
    sinngemäß, dass E-Government in Bezug auf fast alle kritischen Organisationsaspekte politisch ein wenig neben den Schuhen steht. Es basiert eben auf einer Organisationslogik, die der politischen Welt eher fremd ist. Zu diesem Punkt brauchen wir zukünftig mehr Übersetzungsleistungen, um diese Welt der Organisatoren und IT-Fachleute auch für Politiker verständlicher zu gestalten.

  • 2 Jan Dark // Mai 20, 2010 at 21:55

    Wenn in England jemand seinen Namen in 7-Bit-US-ASCII unter eine Mail setzt, das gilt das vor Gericht als signiert.
    In Deutschland lassen wir es zu, dass sich die Verwaltung, das Wirtschaftsministerium, diverse Forschungsinstitute, industrielle Anbieter und viele andere Akteure sich in hoch komplizierten wenig Sinn stiftenden technologischen „Lösungen“ verirren, die eine internationale Sonderbehandlung herbeiführen. Diese nationalen Einzigartigkeiten (wo manche sogar träumen, dass wir das exportierten, was bei uns nicht läuft) führen dazu, das wir rationale ökonomisches Erwägungen gar nicht anstellen brauchen. 10 Jahre gescheitertes E-Government sprechen ein klare Sprache. Die EU DLR ist ein Desaster. Da braucht man über Shared Service Center nicht schon wieder ein Runde zu diskutieren.

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