government2020 header image 2

Vom Wilden Westen zum Standard

April 11th, 2012 · Keine Kommentare

Nutzung von Social Media-Anwendungen in den US-Bundesbehörden - Eine Serie des Behörden Spiegel

Gastautorin: Ines Mergel

Social_Media_Serie_Teil_1

Die Nutzung von Social Media-Anwendungen ist in den letzten drei Jahren für die US-Bundesbehörden zu einem akzeptierten neuen Standard für Online-Partizipation und -Engagement geworden. Auch wenn schon vor der erfolgreichen Internetkampagne des damaligen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama Regierungsbehörden erste Erfahrungen mit Social Media gewonnen haben, so hat doch das sogenannte “Transparency and Open Government”-Memo den Ausschlag für die öffentliche Verwaltung gegeben, sich aktiver mit Nutzungsmöglichkeiten neuer Technologien zur Erhöhung der Transparenz, Partizipation und Zusammenarbeit auseinanderzusetzen. Derzeit befinden sich die Behörden in unterschiedlichen Phasen der aktiven Anwendung, daraus resultierend wenden sie unterschiedliche Taktiken an und viele sind in ihren Anwendungsentscheidungen zurückhaltend.

Traditionell ist die Einführung von Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) in der öffentlichen Verwaltung ein top-down getriebener Prozess. Eine Management-Entscheidung führt zu Marktanalysen, ersten Prototypen und Tests, bevor sich eine Verwaltungsbehörde auf die Investition in technologische Innovationen einlässt.

Anders hat sich die Verbreitung von (zumeist kostenlosen) Social-Media-Anwendungen ergeben: Twitter oder Facebook wurden zunächst von Bürgern genutzt, wie zum Beispiel sogenannten Citizen Journalists, Citizen Hackers und vielen Bloggern, die sich online aktiv mit Verwaltungsthemen auseinandergesetzt haben. Diese Entwicklung, gepaart mit der niedrigen Lernkurve, Einfachheit der Anwendungen, Verbreitung von Breitbandtechnologien sowie Smartphones haben dazu geführt, dass Regierungsbehörden ebenfalls auf das Potenzial von Social-Media-Applikationen aufmerksam wurden.

Phasen der Einführung von Social Media

Beobachtungen und Analysen der Arbeit der mit Social Media befassten Mitarbeiter der Bundesbehörden in den USA ergaben drei Phasen der Anwendung:

Phase 1: Wilder Westen

Die erste Phase zeichnete sich dadurch aus, dass es keinerlei offizielle Regulierungen für den Umgang mit Social Media gegeben hat. Die bestehenden formalen Anordnungen bezogen sich auf E-Mail-Verkehr und Internetnutzung. Intern haben sogenannte “Intrapreneure” angefangen, mit Social Media zu experimentieren und außerhalb des formal akzeptierten Standards Twitter- und Facebook-Zugänge für ihre Initiativen, Teams oder für die gesamte Behörde aufzusetzen.

Das Resultat war, dass es in verschiedenen Teilen der Organisation unterschiedliche Accounts gegeben hat, die sich inhaltlich überschneiden, jedoch nicht miteinander verbunden sind und die Bürger im Dunkeln lassen, ob sie formal sanktionierte Informationen via Facebook oder Twitter erhalten.

Darüber hinaus entwickelten sich immer wieder informelle Verhaltensweisen, wie zum Beispiel die Hashtags #gov20 oder #FedTweets, die genutzt werden, um informell Lessons Learned auszutauschen.

Phase 2: Ordnung aus dem Chaos

In der zweiten Phase haben dann die Anwendungspotenziale so viel Aufmerksamkeit erregt, dass offizielle “Steering Committees” eingesetzt, erste Entwürfe für eine Social Media Policy entwickelt und sogenannte Best-Practice-Beispiele gesammelt wurden, an denen sich die Behörden für ihre eigene Nutzung orientieren können.

Aus den guten Beispielen und den hohen Nutzerzahlen haben viele Social-Media-Verantwort­liche einen “Business Case” entwickelt, den sie dazu nutzen, zusätzliche Ressourcen und einen offiziellen Status von der Verwaltungsspitze zu erringen, um die frühen informellen Versuche in einen formellen Kontext einbinden zu können.

Phase 3: Institutionalisierung

Die dritte Phase führte dann zu einer offiziellen Institutionalisierung von Social-Media-Applika-tionen als akzeptierter offizieller Kommunikations- und Networking-Kanal. Verhaltensvariationen werden eliminiert, indem Accounts zusammengelegt und Inhalte abgestimmt werden. Organisatorische Routinen werden in formalen Regulierungen schriftlich festgelegt, wie zum Bespiel der Umgang mit Kommentaren, Datenarchivierung oder Inhaltsverantwortung. Die neuen sogenannten “Acceptable Use Standards” werden in der Organisation ausgegeben. Social-Media-Verantwortung und -Beteiligung bleibt in dieser Phase nicht nur in den Händen der Public-Affairs-Abteilung, im Gegenteil, es werden auch andere inhaltliche Experten mit einbezogen, die mithelfen, Inhalte zu generieren oder Fragen zu beantworten. Unterstützung erhalten die Bundesbehörden durch zwei verschiedene Plattformen, die zentral von der General Services Administration (GSA) unterhalten werden.

a) HowTo.gov ist eine Plattform, die alle Informationen rund um Social Media in einem zentralen Ort zusammenführt. Social-Media-Verantwortliche finden hier Links zu den grundlegenden Richtlinien, Analysetechniken und andere Ressourcen. GSA bietet als Teil der Digital Government University außerdem Webseminare an, die sich inhaltlich sowohl an Anfänger wenden als auch fortgeschrittene Spezialthemen behandeln.

b) Apps.gov Now ist eine Plattform, die Social-Media-Verant­wort­lichen bei der Auswahl der geeigneten Applikationen hilft. Der im folgenden Screenshot aufgezeigte Prozess beinhaltet eine schrittweise Begleitung bei der Auswahl der zur Verfügung stehenden Social-Media-Appli­ka­tionen: Basierend auf der zu erfüllenden Aufgabe (Partizipation, Transparenz oder Zusammenarbeit), erhält der Nutzer Vorschläge für bestehende Applikationen, die bereits in anderen Behörden erfolgreich für ähnliche Aufgabenstellungen angewandt wurden. Im nächs­ten Schritt wird die Applikation vom System erstellt und der Nutzer muss nur noch das Corporate Design anpassen, um die Wiki, den Blog oder das Forum an seine eigene Behörde anzupassen.

Reaktive Verwendung

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass trotz der weiten Verbreitung von Social-Media-Applikationen in den US-Bundesbehörden die Nutzung noch immer in den Kinderschuhen steckt. Die Mehrzahl der Anwendungsbeispiele bezieht sich nur auf Transparenz und Partizipation des “Transparency and Open Government”-Mandates, jedoch nicht auf die Unterstützung von Zusammenarbeit und kollaborativem Verhalten.

Die anfänglich fehlenden formalen Regulierungen haben zu einer eher reaktiven Anwendung von Social-Media-Applikationen in den öffentlichen Verwaltungen geführt. Erst nachdem die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen wurden, ist der Durchbruch gelungen und nun hat jede Behörde mindestens einen Facebook-, Twitter- oder Blog-Zugang. Viele haben zusätzlich Foto- oder Video-Sharing-Services hinzugefügt.

Der Text erschien in der April-Ausgabe des Behörden Spiegel.

Jetzt anmelden! Mehr von Ines Mergel auf dem 15. Effizienten Staat am 24. und 25. April in Berlin:

24. April, 14.00 Uhr, Prof. Dr. Ines Mergel, Impulsvortrag zur Podiumsdiskussion “Perspektive Mitmachstaat: liquid, crowd und open – moderne Bürgerbeteiligung als Tor zu einer neuen Demokratie”, mit
Barbara Novak, Abgeordnete zum Landtag und Mitglied des Wiener Gemeinderats und Sprecherin für Informations- und Kommunikationstechnologie
Christopher Lauer,Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, Piratenpartei Deutschland
Prof. Dr. Ines Mergel, Syracuse University
Guido Kahlen, Stadtdirektor der Stadt Köln

25. April, 11.00 Uhr Fachforum XI ”Social-Media-Leitfäden für die Verwaltung”, mit weiteren Beiträgen von:

Renate Mitterhuber, Finanzbehörde Hamburg, Leitung E-Government- und IT-Strategie
Sönke E. Schulz, Lorenz-von-Stein-Institut an der Universität Kiel
Dr. Peter Parycek, Donau-Universität Krems
Prof. Dr. Ines Mergel, Professur für Public Administration, Syracuse UniversityModeration: Wolfgang Naujokat, 2. Vorsitzender ESG, Initiative D21

Artikel teilen!

Tags: Verwaltungsmodernisierung

0 Antworten bis jetzt ↓

  • Es gibt keine Kommentare bis jetzt...

Hinterlasse ein Kommentar

*